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„Die Rasenden“ in Hamburg : Man sieht die alten Griechen jetzt oft als solche Siechen

  • -Aktualisiert am

Mitspieler in einem stundenlangen Bühnenkrieg: Angelika Richter in der Rolle der Helena und York Dippe als Menelaos Bild: dpa

Blutcocktail für ein paar Atriden aus der Boutique der Antike: Für ihr Intendanten- und Regiedebüt am Hamburger Schauspielhaus mixt Karin Beier bei den „Rasenden“ Aischylos, Euripides, Hofmannsthal und Sartre.

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          Am Ende steht der Rechtsstaat. Die Götter Athene und Apollon entsühnen den Mörder Orest, der zusammen mit seiner Schwester Elektra seine Mutter Klytaimestra umgebracht hat, weil Klytaimestra zusammen mit ihrem Buhlen Aigisth ihren aus dem großen Trojanischen Krieg heimkehrenden Mann Agamemnon ermordete, weil Agamemnon seine Tochter Iphigenie der Göttin Artemis auf der Insel Aulis als Opfer darbrachte, damit die griechische Flotte Wind in die schlaffen Segel bekäme, um in Troja jede Menge Feinde abschlachten zu können, worunter am Ende auch jede Menge Kinder und Frauen sind...

          Auge um Auge, Beil um Beil, Mord um Mord sind nun vorbei, die Zeit der Blutrache ist zu Ende. Ein unabhängiges Gericht, das Recht spricht, wird installiert, es gibt Gesetze, Verträge, Justiz. Die Zivilisation hält Einzug. Ein Geschenk der über den Menschenhass triumphierenden Göttervernunft. So enden die „Eumeniden“ des Aischylos aus dem Jahr 458 vor Christus, der letzte Teil seiner Atriden-Trilogie, mit der Morgenröte des Abendlandes in Form des bürgerlichen Gesetzbuches.

          Zu fünfzig Prozent schuldig

          Im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg enden kurz vor Mitternacht gut sieben lange Stunden Mühen um den Atriden-Stoff unter dem Titel „Die Rasenden“, mit denen die dortige neue Intendantin Karin Beier ihre neue Intendanz nach monatelangen Proben und wochenlangen Schwierigkeiten wegen Bühnenunfällen endgültig eröffnet, mit einer Theaterfinsternis. Die Götter, die Vernunft und der Rechtsstaat sind gestrichen. Orest, der sich soeben seinen nackten Hintern am Blut des von ihm ermordeten Aigisth abgewischt und sich mit dem siruproten Lebenssaft seiner von ihm ermordeten Mami Klytaimestra den nackten Oberkörper beschmiert hat, wiewohl Mutti ihm zuvor ausführlich ihre bloßen Brüste präsentierte – Orest also steht inmitten viel üblichen Bühnenmülls (inklusive einer Badewanne) herum und sagt: „Ich bin schuldig.“

          Maria Schrader als „Klytaimnestra“

          Das wollen ihm aber drei Herren nicht gestatten, die hier die Funktion der Erinnyen innehaben, die den Orest im Drama verfolgen. Der eine, gemimt von Joachim Meyerhoff, dem obligaten glatzköpfigen Hirnriss-Klassenkasper des deutschen Theaters (zuständig fürs höhere Verrückte), hält dem Orest einen ellenlangen Vortrag über Schrödingers Katze, ein berühmtes quantenmechanisches physikalisches Experiment, samt Tafelanschrieb: Von der Katze im geschlossenen Raum könne man nur zu fünfzig Prozent wissen, ob sie tot sei („Also Junge, du bist zu fünfzig Prozent schuldig und zu fünfzig Prozent nicht schuldig“) . Der andere, dahergelabert vom sanften Beiseitesprecher Michael Wittenborn, hält ihm einen Gegenvortrag aus dem Fach der Gehirnforschung.

          Zackbumm-Konzert für Streicher

          Der Dritte, dargewürgt von Gustav Peter Wöhler, dem stiernackigen Spezialisten für geduckt freche hanseatische Spießerzecken, erzählt dem Orest was von Schwarzen Löchern und Urknall und so. Es herrscht eine so aufgekratzte wie feige, sich vor einem Drama völlig drückende Trostlosigkeit und Blödsinnigkeit. Man wirft mit zeitgeistigen, von gerade aktuellen Debatten verseuchten Rotzigkeitswürsten nach der Publikumsgelächterspeckseite gelangweilt überheblicher Anspruchslosigkeit.

          Maria Schrader als „Klytaimnestra“

          Die Regisseurin und Intendantin, aus Köln kommend, in Hamburg seltsamerweise empfangen wie eine messianische Erscheinung, inszeniert ja auch nicht Aischylos, sie inszeniert „nach“ Aischylos, dessen „Agamemnon“ sie auch noch „nach“-liefert. Dessen „Choephoren“, die den Muttermord behandeln, ersetzt sie durch die „Elektra“-Version „nach Hugo von Hofmannsthal“, den Trojanischen Krieg samt dessen Frauenvernichtung erledigt sie mit einer „Troerinnen“-Tanzeinlage „nach Jean-Paul Sartre“ und einem Zackbumm- und Klopfklopf-Konzert für Streicher, Schlagzeug und Rhythmus-Chor (eine Art Bartók für Arme), allerdings nicht „nach“, sondern von Jörg Gollasch. Die Vorgeschichte mit der Opferung der Klytaimestra-Tochter wird mittels der „Iphigenie in Aulis“, naturgemäß „nach Euripides“ geboten.

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