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Operette in Hildesheim : Jacques Offenbach in Bestform

  • -Aktualisiert am

Lauter Spaßmacher: Meike Hartmann (Zanetta), Katharina Schutza (Paola), Levente György (Cabriolo), Neele Kramer (Regina), Jan Rekeszus (Tremolini) (von links nach rechts). Bild: Jochen Quast

Adam Benzwi und Regie-Debütant Max Hopp machen in Hildesheim „Die Prinzessin von Trapezunt“ zum Glanzstück. Zum Offenbach-Jubiläum wünscht man sich dringend mehr davon.

          Aber heißa! Da ist vereinigungstechnisch ganz schön was los beim finalen Bacchanal im Wachsfigurenkabinett, auf das Jacques Offenbachs „Prinzessin von Trapezunt“ mit diebischem Vergnügen hinläuft: Gleich drei Töpfe finden hier in sinnig abgestufter Positionsvielfalt ihre Deckel, mithin sechs von acht Hauptakteuren. Zuschauen müssen nur zwei ältere Herren – Fürst Kasimir und der dank Losgewinns mitsamt seiner Sippe ebenfalls zum Schlossbesitzer aufgestiegene Ex-Schausteller Cabriolo. Doch auch die lassen sich in nostalgischer Wehmut eingemeinden, so dass es am Ende, anders als in den großen Offenbachschen Gesellschaftspanoramen von „Orpheus“ bis zur „Großherzogin“, eigentlich keine wirklich Düpierten gibt.

          Vielleicht hat diese milde Versöhnlichkeit des damals fünfzigjährigen Komponisten ihren Teil daran, dass das Stück, immerhin von keinem Geringeren als Karl Kraus zur besten aller Offenbachiaden erklärt, nach großen Anfangserfolgen in die zweite Reihe zurückgeschoben wurde. Was angesichts der gefühlvoll ausgesungenen Balzspiele und blitzblanken, federnd rotierenden Ensembles nicht nur musikalisch ein Unrecht ist, sondern auch unterschlägt, wie hinter den Verhakelungen zwischen Sinnlichkeit und Klassenarroganz auch eine Menge Utopie steckt und das Private in diesem Sinne durchaus ziemlich politisch ist – hundert Jahre bevor dergleichen, entschieden weniger witzig und poetisch, per Manifest erklärt wurde.

          Und dann noch famoses Puppenspiel

          Was nun über die Bühne des Hildesheimer Theaters für Niedersachsen läuft und bei der Premiere mit Ovationen im Stehen gefeiert wurde, könnte ein wunderbarer Startschuss zur Rückgewinnung sein. Das war zunächst ein Erfolg des glänzend aufeinander eingespielten Duos aus dem Sänger-Schauspieler und nunmehrigem Regie-Debütanten Max Hopp und seinem musikalischen Leiter Adam Benzwi, beide geschult in Barrie Koskys Operetten-Gourmetküche an Berlins Komischer Oper. Was sie unternahmen, war eine Diätkur, die dem Patienten bestens bekam: weg von der Ausstattungsrevue hin zu Sketch und Kabarett, ohne dabei in kleine Puzzlestücke zu zerfallen. Weitläufige Dialoge wurden entlastet, die Chöre und der Instrumentalapparat auf flexibel handhabbare Kammerformate zurückgeschrumpft – knackig und durchsichtig, ideal nicht nur für die familiär gestimmte Atmosphäre am mittelgroßen Haus in Hildesheim, sondern auch für ein Ensemble, das in seiner entspannten Mischung aus sprechtheater- und musicalorientierten mit klassisch geformten Stimmen sowie dem famosen Puppenspiel-Entertainer Paul Hentze die Erwartungen schönlinigen Gesangs zwar nicht unterlief, ihn aber in einem genussvoll mutwilligen Mix verschiedener Stilformen doch nur als ein Element unter anderen behandelte.

          Lockerkeit, Witz und Spielfreude steigerten sich dabei von Akt zu Akt, gestützt durch die frisch-frech-knallige Ausstattung von Caroline Rössle-Harper, vor allem aber durch die flotte und pointensichere Orchesterleitung Benzwis, der immer wieder feine Kammer-Details herauskitzelte, doch in den vielen rasanten Ensembles, die Offenbach dem Stück in schönster Fülle mitgegeben hat, ebenso Schmiss und Temperament vorlegte. Gaukler- und Adelswelt, in getrennter Aufstellung oder – besonders in den großen Finalen – vermischt und kollidierend, mal in herzinnig überzogener Sentimentalität (wenn die Schausteller nach dem Glücksgewinn Abschied von ihrem alten Jahrmarktsbüdchen nehmen) und dann wieder furios von der Leine gelassen, dabei in den Dialogstrecken nicht weniger treffsicher als im gemeinsamen Gesang: Das waren Figuren, die sich aneinander rieben wie wärmten und hinter allen parodistischen Knallern immer auch Sehnsucht, versteckte Träume und liebenswerte Menschlichkeit spüren ließen.

          Das Publikum antwortet mit Lachsalven

          Meike Hartmanns ranke Zanetta und ihr verwöhnt eigenwilliges, abgedrehtes Goldjüngelchen Raphael (Julian Rohde); die handfest-resolute Regina von Neele Kramer, die sich den devot-verzagten Ästheten Tremolini (Jan Rekeszus) angelt, und Levente Györgys deftig direkter, aber melancholisch unterwanderter Prinzipal: Alles sehr gut gemacht! Für Lachsalven sorgten Uwe Tobias Hieronimis Kasimir als lustvoll standesbornierter Fürst, dessen milde erschlaffter Freizeit-Sadismus von sentimentalen Altherren-Erinnerungen unterspült wird, und Paul Hentzes artistische Verkörperung eines rührend strunzdummen Wächter- und Pagentrios mittels dreier lebensgroßer, zusammengenähter Klappmaulpuppen.

          Hentze war es freilich auch, dem Max Hopp die handlungskomprimierende Conférenciers-Rolle und dazu noch einen Umbaufüller samt Offenbach-Puppe zugedacht hatte – und dabei zeigten sich (neben einigen akustischen Unverständlichkeiten bei schnellen Gesangspassagen) die einzigen Schwachstellen des Abends, weil hier manches allzu naseweis-vordergründig, stellenweise auch pathetisch aufgebläht daherkam. Wo der Regie-Neuling im perfekt durchrhythmisierten Timing, mit geschliffen erarbeiteten Dialogen und im Szenisch-Gestischen eine Menge schöner Einfälle hatte (so die Offenbarung gähnend überdrüssiger Langeweile durch die neuen Schlossbesitzer am Beginn des zweiten Aktes, hingestellt mittels verdreht-gequälter Dolce-Vita-Posen vor himmelblauem Fonds) – hier, als Monolog-Neuschöpfer, wirkte er weniger glücklich. Doch das wird sich korrigieren lassen; an die Substanz der amüsanten Wiederentdeckung geht es nicht. Offenbach hat mehr davon verdient – nicht nur in seinem Jubiläumsjahr.

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