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Münchner Konzertsaal : Kippt den Knödelbeschluss!

  • -Aktualisiert am

Der richtige Bauplatz: Vor dem Marstall fände ein Konzertsaal, der den Ansprüchen genügt, sehr wohl Platz. Bild: Jan Roeder

Die Ergebnisse des Gutachtens zum Bau des neuen Münchner Konzertsaals wurden vom bayerischen Kunstministerium in ihr Gegenteil verkehrt. Ist das etwa egal? Ein Aufruf zum Aufbegehren der Münchner Musikbürger.

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          Wo die Musik spielt, darüber haben die Münchner fast fünfzehn Jahre lang fleißig miteinander gestritten. Schade, dass Loriot nicht mehr ist. Es war manchmal schon sehr komisch. Seehofer mit Brahms beim Hütchenspiel oder Mozart-Ente mit Pfanniknödel in der Badewanne, so was hätte man gern gesehen. Dass auch in Bayern die Politiker, die entscheiden, nicht immer identisch sind mit denen, die Ahnung von der Sache haben, das ist okay, davon lebt der Lobbyismus. Vielleicht, dass der Ministerpräsident zurzeit kein dringlicheres Problem hat als das, den Glauben an die Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit der politischen Klasse wiederherzustellen. Schließlich: Er selbst, Horst Seehofer, hat ja persönlich sein Wort gehalten.

          München werde einen neuen Konzertsaal bekommen, so lautete sein Versprechen. Den kriegen sie nun, per Staatsratsbeschluss, in einem unbewohnten Industrieviertel, auf einem verkehrstechnisch suboptimalen, etwas schmalen Werksgelände und einem Baugrund, der nicht der Stadt gehört, den sie sich vielmehr in Erbpacht von einem bekannten Knödelhersteller ausleihen muss, was teuer wird, auf Dauer. Aber besser so als gar nicht. Den streitbaren Münchner Musikbürgern, selbst den Musikern, sogar Maestro Mariss Jansons, ist inzwischen auch ein Spatz in der Hand lieber als weitere dumme Witze.

          Akten unter Verschluss

          In dieser Situation, die man als fait accompli bezeichnen kann, wird nun überraschend Akteneinsicht gewährt. Was fünf Jahre lang unter Verschluss lag, liegt jetzt offen zutage: Beamte der Landesregierung haben Ergebnisse des ersten Gutachtens falsch wiedergegeben. Sei es absichtsvoll, sei es unwissentlich oder unter Einfluss, Kunstminister a. D. Wolfgang Heubisch schuf im Frühjahr 2010 Fakten durch das Verkünden einer Unwahrheit. Er erklärte, der Marstall-Komplex, mitten im Herzen von München, sei für einen Konzertbau ungeeignet. Dies habe das Gutachten des Akustikers Yasuhisa Toyota ergeben. Zutreffend ist im Gegenteil, dass Toyota einen Konzertsaal im klassischen Schuhschachtelformat exakt für diesen Marstall-Standort empfahl.

          Es müsste nun einen Aufschrei geben. Stattdessen: Schulterzucken, Schweigen. Zurücktreten kann Herr Heubisch nicht mehr. Allenfalls wird er noch als Sündenbock gebraucht, damit alle rasch zur Tagesordnung übergehen, auf dem Knödelgelände weiterwursteln und Fragen unter den Tisch fegen können wie diese: Wer steckte damals hinter dieser Irreführung der Öffentlichkeit? Wer hatte ein partikulares Interesse daran, den Marstall auszusortieren? Wer untersagte Einsicht in das Gutachten, bis vorvorgestern? Und (rhetorische Frage): Wer glaubt noch, dass Politiker der Wahrheit oder gar der Sache verpflichtet sind?

          Bauplatz des Anstoßes: Das Gutachten zur Liegenschaft am Marstall wurde falsch dargestellt.

          Ein Konzerthaus gehört in die Stadtmitte. Nicht an den Rand. Nicht nur aus symbolischen Gründen oder wegen der Umwegrentabilität liegen Kirche und Rathaus, Bahnhof und Theater in historisch gewachsenen Orten dicht beieinander und in der geschützten Altstadt. Hier schlägt seit je das Herz der zivilen Gemeinschaft. Und die Hochkultur ist ein starker, impulsgebender Muskel dieses Herzens, auch wenn nicht alle an ihr direkt teilhaben, so profitieren doch davon alle.

          Der beste, in diesem Sinne der einzig sinnvolle Standort für den Konzertsaal in München ist nach wie vor das kaputtgeredete und ausgetrickste Marstallgelände, hinter dem Nationaltheater, im Rücken der Residenz. Nach wie vor dient die Brache vor dem Klenzebau, der ein prachtvolles Entree abgäbe, als Parkplatz und Hundewiese. Nach wie vor sind die aus dem Ideen- und Architekturwettbewerb damals als Sieger hervorgegangenen Entwürfe nicht verschimmelt.

          Es ist noch nicht zu spät

          Es ist vielleicht, angesichts der vielen Münchner Macht-Hütchen, unrealistisch. Aber es ist vernünftig und sinnvoll, jetzt zu fordern: Think Big! Denkt neu! Kippt den Knödelbeschluss! Und würde man heute all die Sitzungshonorare und Hintergrundgesprächsessenskosten mit den (mit, sagen wir, dem gesetzlichen Mindestlohn vergüteten) Bürostunden zusammenrechnen, die im Lauf der letzten Jahre in der Münchner Konzertsaalfrage sinnlos im Dienste partikularer Eitelkeiten verplempert wurden: Es käme genug Geld zusammen, um das geplante Prachtfoyer und den Garderobentrakt im restaurierten Klenzebau des alten Marstalls schon mal zu richten.

          „Ein Konzertbesuch“, ätzte der Philosoph Bazon Brock, sei eben „kein Hobby, wie saudummerweise immer wieder behauptet wird. Ein Konzertsaal ist eine höhere Aufgabe. Hier geht es um den kollektiven Geist!“ Dass die Politstrategen in Bayern und München das nicht ahnen, darüber wurde schon viel gelacht in Tokio, Berlin, Wien und New York, in Luzern und Schanghai, im Ruhrpott und im Rhein-Main-Gebiet, überall dort, wo gut funktionierende Konzertsäle mitten im Herzen der Städte stehen und ein hochkarätiges Musikleben für Urbanität sorgt. Klar, es gibt Ausnahmen: Der wunderschöne, von Renzo Piano erbaute Parco della Musica in Rom ist mit der Straßenbahn zu erreichen, aber in den Abendstunden herrscht dort, trotz Restaurants und Ausbildungsstätten, tote Hose. Auch am neuen Pariser Konzertsaal, ebenfalls außerhalb, lässt sich zurzeit studieren, wie das geht, ohne Urbanität.

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