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Camus am Deutschen Theater : Katasteramt der Katastrophen

  • -Aktualisiert am

Ein Soloabend für Božidar Kocevski mit Camus: „Die Pest“ Bild: Arno Declair

Für eine Ethik der Tat: András Dömötor inszeniert „Die Pest“ nach dem Roman von Albert Camus am Deutschen Theater in Berlin.

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          Die Indizien der Katastrophe verdichten sich, und ein jeder reagiert auf seine Weise. Politiker und Medien lavieren und wiegeln ab, selbst als ihnen die schwarzen Partikel schon an den Händen kleben und ihre Rachen verstopfen, aus denen sie ihre leeren Phrasen hervorpressen: „Die öffentliche Meinung ist heilig.“ Die Kirche und die Schleuser geben wie eh und je die klassischen Untergangsprofiteure, der Bourgeois flieht ins Strandhaus, ehe die Stadt abgeriegelt wird. So gestaltet sich die Ausgangssituation in Albert Camus’ 1947 erschienenem Klassiker „Die Pest“, der in einer Solo-Version mit Božidar Kocevski gerade am Deutschen Theater in Berlin zu sehen ist. Als Roman in fünf Akten von Camus quasi dramentheoretisch schon für die Bühne vorgefertigt, funktioniert die schlanke Achtzig-Minuten-Fassung von Claus Caesar und Meike Schmitz in ihrer Fokussierung auf die wichtigsten Dialoge und eindrücklichsten Bilder hervorragend. Geschickt steigert die Inszenierung von András Dömötör die Intensität des Grauens von den ersten Fieberkranken hin zu den in die Krematorien gekarrten Leichenmassen auf dem Höhepunkt der Dystopie.

          Skepsis und Kritik

          Die aufgeräumte Schulexegese hat bekanntlich Camus’ Roman zuvorderst als eine Allegorie des Nationalsozialismus gelesen und dabei zugleich gern unterschlagen, dass die Ideologiekritik des franko-algerischen Nobelpreisträgers zeitlebens in gleichem Maße die messianischen und autoritären Varianten des real existierenden Sozialismus miteinschloss. Denn tatsächlich steht im Zentrum Camus Philosophie die Skepsis gegenüber all denen, die sich im Angesicht der Verworfen- und Verworrenheit der Welt allzu einfach aus der Affäre zu ziehen suchen. Das gilt nicht nur für die frommen Partei- und Kirchgänger jeder Couleur, sondern auch für die fortschrittsbeseelten Humanisten: „Unsere Mitbürger waren nicht schuldiger als andere, sie vergaßen einfach nur, bescheiden zu sein, und sie dachten, alles sei für sie noch möglich. Sie machten weiter Geschäfte, sie bereiteten Reisen vor, und sie hatten Meinungen. Wie hätten sie an die Pest denken sollen, die Zukunft, Ortsveränderungen und Diskussionen aufhebt?“

          Als Stimme der nüchternen Einsicht tritt Bernard Rieux auf, Arzt und Chronist der Ereignisse. Seine stoische Erschütterung verkörpert der großartige Božidar Kocevski dabei ebenso eindringlich wie alle anderen Stimmen und Stimmungen des Romans von der bürokratischen Schafsköpfigkeit der Beamten über die Verzweiflung der Fluchtwilligen bis hin zu den immer wieder aufblitzenden Momenten der Komik inmitten des Grauens. Die Kargheit der Sprache von Camus spiegelt sich perfekt in Sigi Colpes Bühnenbild: Kaltes Licht illuminiert das fahle Gesicht des graugewandeten Protagonisten, der wie ein Katasterbeamter der Katastrophe in einem unaufhörlichen Ascheregen unter latent wummernden Bässen und sphärischen Klängen umherirrt und die Verheerungen dokumentiert.

          Die erschütternde Gegenwärtigkeit von Camus’ Klassiker besteht im Hadern seiner Figuren mit der Logik einer Welt, in der wir „keine Bewegung machen können, ohne Gefahr zu laufen, zu töten.“ Gegen die Rechtfertigungs- und Verschleierungssysteme des Grauens artikuliert der Arzt Rieux eine Ethik der Tat, deren Maßstab das einzelne Menschenleben ist. In dieser Form der Revolte, deren zeitgenössische Wiedergänger sich auf den syrischen Trümmerfeldern oder den überfüllten Booten des Mittelmeers den Verdammten der Gegenwart widmen, stoßen das abstrahierende Denken und die hohle Sprache des Ideologischen an die einzige für Camus gültige Grenze, nämlich die, „an der die Gemeinschaft der Menschen errichtet wird“. Aus den Todesschreien einer Frau, den Martern eines Kindes und der darin aufgehobenen Absurdität formuliert Camus die schmerzliche Eindringlichkeit seiner Ethik und seiner Sprache. Das Ende der Plage vermag über die ewige Latenz des Bazillus nicht hinwegzutäuschen. Auf der Bühne spielt der die Asche inhalierende Staubsauger im Abgang dröhnend das alte Menschenlied der Sehnsucht nach dem Vergessen.

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