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„Die Perser“ in München : Wie dämlich ist ein Daimon?

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Hier heißt das Stück „Die Gouvernante”: Hildegard Schwarz als „Chorführerin” (links) und Sylvana Krappatsch als Atossa Bild: Rabanus

Es tut so echt und ist doch so falsch: Johan Simons inszeniert in München „Die Perser“ in einer Kaserne und besetzt den Chor mit einheimischen Senioren und jungen Flüchtlingen aus Bosnien, Somalia, Uganda und dem Irak.

          Das Stück heißt „Die Perser“. Nach dem Chor, der darin die Hauptrolle spielt. Bürger der Reichshauptstadt Susa, denen nach der Schlacht bei Salamis 480 vor Christus mitgeteilt wird, ihr Heer, Persiens Glanz und Stolz, samt noch glänzenderer und stolzerer Flotte sei von einer zahlenmäßig weit unterlegenen, aber taktisch überlegenen griechischen Streitmacht vollständig aufgerieben worden. Die Dauersieger der Geschichte, die Perser, scheinbar Schlachtengewinner auf immer, sind auf einmal restlos verloren. Das Stück, das der Grieche Aischylos, der als Stratege selbst bei Salamis mitkämpfte und mitsiegte, acht Jahre später schrieb, besteht aus fast nichts anderem als aus diesem Bericht - und den Reaktionen der Verlierer, der Frauen, Kinder und Alten, denen jetzt die Väter und Männer und Söhne genommen sind, schutz- und hilflos.

          Das Drama, das älteste des Abendlandes, besteht aus einem einzigen Schmerzensschrei. In härtestem Weh-Moll. Der Verlierer. Aufgezeichnet von einem Sieger. Und zwischen den Verszeilen die Dauermahnung: Überhebt euch nicht! Schaut in den Spiegel! Wehe den Siegern, wenn sie im Sieg nicht schon den möglichen Untergang erkennen! Politischer, gesellschaftlicher kann man kaum schreiben. Denn die Gesellschaft hat die Hauptrolle.

          In der Münchner Bayernkaserne, in der schon die Wehrmacht, die US-Army und die Bundeswehr stationiert waren und die aktuell als Flüchtlingsunterkunft dient, spielt die Gesellschaft nicht die Hauptrolle. Sondern das, was sie in München sonst auch gerne tut: die Rolle der Staffage. Johan Simons, der Chef der Münchner Kammerspiele, der wie schon sein Vorgänger das Haus mit allerlei programmatischem Schnickschnack „zur Stadt hin öffnen“ möchte, ist, weil „Die Perser“ ein Kriegsstück sind, in die Kaserne draußen in Freimann gezogen und hat den Chor mit heimischen sozial verrenteten Senioren und jungen Flüchtlingen aus Bosnien, Somalia, Uganda und dem Irak besetzt. Die sehr sympathisch und ungemein geschmackvoll exotisch wirkenden Leute in ihren fremden Trachten und Hautfarben wie in ihren einheimischen Westen und zeitlos gebleichten Damenhosen bevölkern auf angenehme Weise den Spielort, offenbar eine alte Maschinen- und Reparaturhalle der Kaserne, die mit vielen aufeinander geschichteten Paletten umsäumt ist, auf denen wieder Sandsäcke als Schuss- und Sichtschutz aufeinander geschichtet sind. Vorne links ein Wasserbecken.

          Aha, Krieg! Dem Assoziationsauge wird sofort jeder Zeichenwunsch erfüllt

          Die Ausbeutung geht weiter

          In diesem malerisch martialischen Ambiente, das dem Assoziationsauge sofort jeden Zeichenwunsch (aha, Krieg!) flott erfüllt, bewegt sich der Chor, der ja wohl aus irgendwie total authentisch Betroffenen, Unterdrückten, Verlorenen, Ausgestoßenen der Stadt München bestehen soll, so, als gehe ihn das Schicksal der Betroffenen, Unterdrückten, Verlorenen, Ausgestoßenen der Stadt Susa überhaupt nichts an. Manchmal geht der oder die eine oder andere ein bisschen herum. Eine Dunkelhäutige wippt zu den Klängen der äußerst schicken archaischen Schmusemusik, die ein Cello, ein Xylophon und ein Schlagwerk als Daueruntermalung beisteuern. Eine Dame in Grün geht begütigend auf und ab. Zwei kleine Kinder spielen herzig. Ein Herr in Fliege und mit Stock zeigt sehr schön, was trotz körperlicher Einschränkung ein aufrechter Gang ist. Asiaten und Afrikaner fassen sich an den Händen. Es ist dies alles ganz reizend und liebenswürdig.

          Nur dass, abgesehen von ein paar leise chorisch gemurmelten Feldherrnnamen und einem kleinen Lied am Schluss dieser Chor nichts zu sagen hat. Seine Authentizität und Echtheit ist ein Kammerspiele-Schmock-Etikett: Es tut so echt und ist doch so falsch. Die Laienleutchen werden zum Schmuckwerk für ein sogenanntes kritisches Bewusstsein, das sich mit ihnen als Realitätspartikel schmückt, ohne ihnen eine wirkliche Chance zu geben, ins Spiel zu kommen. Die Ausbeutung, die ihnen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit widerfährt, wendet das Theater genauso auf sie an - nur eben mit seinen Mitteln.

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