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350 Jahre Opéra de Paris : Die größte Oper der Welt

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Unter anderem liegt das auch daran, dass dem Haus ein mittelgroßer Saal für neue und „andere“ Formate fehlt. Ein solcher, die berühmt-berüchtigte salle modulable, an der sich die Gemüter seit den achtziger Jahren erhitzen, soll jetzt bis 2023 gebaut werden. Doch ist man gut beraten, an die Existenz dieses Saals erst dann zu glauben, wenn beim Einweihungsfest die Hurra-Rufe erschallen. Dafür besitzt die Pariser Oper, zweitens, als einzige Musikbühne weltweit gleich zwei ausgewachsene Standorte: das 1875 eröffnete Palais Garnier und die 1989 eingeweihte Opéra Bastille. Diese sind simultan bespielbar; dank des kumulierbaren Angebots von 2105 und 2745 Plätzen kann das Haus jährlich knapp 900.000 Karten anbieten (die zu 92 Prozent auch verkauft werden). Rein buchhalterisch gesehen: das größte Opernhaus der Welt.

Um diesen Titel auch in künstlerischer Hinsicht zu beanspruchen, mag die Pariser Oper zwei weitere Trümpfe ins Feld führen. Da ist, drittens, das Hausorchester: ein Ensemble von 174 in zwei Gruppen von periodisch wechselnder Zusammensetzung musizierenden Instrumentalisten, das seit 2009 unter der Führung von Philippe Jordan zum womöglich weltbesten „reinen“ Opernorchester herangereift ist. Jordans Ernennung zum Musikdirektor war – mehr als die von Intendanten, deren Profil mit entnervender Beständigkeit zwischen „konservativ“ und „innovativ“ hin- und herpendelt – der prägende Personalentscheid seit der Wahl von Rudolf Nurejew zum Ballettchef.

Meeresstille und glückliche Fahrt also?

Der sowjetische Startänzer und Choreograph hatte, viertens, in den achtziger Jahren die Tanztruppe der Pariser Oper an die Weltspitze geführt, wo sie bis heute eine ganz eigene Stellung einnimmt. Die Fähigkeit der 154 Tänzerinnen und Tänzer, mit Verve und Finesse eine französische Tradition zu pflegen, die ihnen von klein auf in der hauseigenen Schule eingedrillt wird, zugleich aber auch Choreographen der Moderne und Gegenwart mit ebenso viel Frische zu dienen wie Spezialensembles, von George Balanchine über Merce Cunningham bis hin zu William Forsythe und Crystal Pite, verleiht dem Ballett der Pariser Oper ein besonderes Profil unter den großen Opernhaus-Truppen. Wie ein Traditionsorchester, das die Hälfte seiner Auftritte mit Werken lebender Komponisten bestritte.

Meeresstille und glückliche Fahrt also? 2021 scheiden sowohl Jordan als auch der Intendant, Stéphane Lissner, aus dem Amt. Wer in ihre Fußstapfen treten wird, steht noch nicht fest. Und auch die Nachfolge von Brigitte Lefèvre, die zwei Jahrzehnte lang mit glücklicher Hand das Ballett geleitet hatte, ist bis heute nicht zufriedenstellend geregelt. Benjamin Millepied, der 2014 mit dem Vorsatz angetreten war, ohne Rücksicht auf das rigide Hierarchiesystem vieles umzukrempeln, hatte nach nur vierzehn Monaten das Handtuch geworfen. Aurélie Dupont, die den Stab übernahm, sah sich letztes Jahr mit schweren internen Anwürfen von Missmanagement und Mobbing konfrontiert. Obendrein nannte sich jedes vierte Truppenmitglied ein Opfer oder Zeuge sexueller Belästigung! Endlich drohen die Finanzen früher oder später aus dem Ruder zu laufen. Der Personalaufwand steigt stetig, die Staatssubvention sinkt tendenziell, die Eigeneinnahmen lassen sich nicht ad libitum erhöhen. – Einstweilen jedoch können sich die Pariser und ihre Gäste an einem Opernhaus erfreuen, das eine der Blütezeiten seiner langen Geschichte erlebt.

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