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Die Oper „König Roger“ in Bregenz : Alles steuert auf eine gewaltige Orgie zu

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Im Mittelpunkt des Treibens: Roxana - Probenfoto mit Geertje Boeden an Stelle von Olga Pasichnyk Bild: AP

Die Oper „Król Roger“, das Hauptwerk des polnischen Spätromantikers Karol Szymanowski, ist als zweite große Musiktheaterproduktion der Bregenzer Festspiele klug gewählt. Und hervorragend dargeboten.

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          „Sinn und Sinnlichkeit“ lautet das Motto, das die Bregenzer Festspiele in diesem Sommer ihrem Komponistenschwerpunkt verliehen haben. Die genauere Übersetzung des Jane-Austen-Titels „Sense and Sensibility“ träfe die Sache freilich noch besser: Das Mit- und Gegeneinander von Gefühl und Verstand durchdringt alle bedeutende Musik, keine jedoch so umfassend wie die des polnischen Spätromantikers Karol Szymanowski. Sein Werk, das Bindeglied zwischen Chopin und der Moderne Lutoslawskis, bildet in Bregenz das Gegengewicht zu Verdis populärer „Aida“ auf der Seebühne (siehe auch: Mit dem breiten Pinsel gemalt: „Aida“ auf der Bregenzer Seebühne).

          Die Oper „Król Roger“, Szymanowskis Hauptwerk von 1926, ist dabei klug als zweite große Musiktheaterproduktion dieser Saison gewählt - subtil spiegelt und bricht sie die Konstellation von Verdis Ägypten-Drama: Steht dort ein Mann zwischen zwei ungleichen Frauen, so wird dieses Dreiecksverhältnis im „König Roger“ ins Mehrdeutige potenziert: In die enge, von Liebe getragene Beziehung zwischen Roger und seiner Königin Roxana drängt sich ein geheimnisvoller Hirte, der den Rausch und die freie Lust als Lebensprinzip predigt und so die sittenstrenge Welt des zwölften Jahrhunderts aus den Fugen hebt. Auf Roger übt dieser androgyne Prophet einer libertinären Gegenwelt bald eine ähnliche erotische Anziehung aus wie auf Roxana; die Geschlechtergrenzen schwinden so schnell wie die Schranken der Moral, und alles steuert auf eine gewaltige Orgie zu.

          David Pountney, der Intendant der Bregenzer Festspiele, zeigt diese Orgie in seiner Inszenierung als das, was sie in Wahrheit ist: ein archaisches, vorzivilisatorisches Schlacht- und Opferfest, in dem Humanität und Vernunft gründlich unter die Räder geraten. Wie schon Hans Hollmann in seiner gelungenen Produktion am Theater Bonn, führt Pountney Szymanowskis Oper konsequent auf ihre antike Vorlage in der „Bakchen“-Tragödie des Euripides zurück. Raimund Bauer hat ihm dazu ein griechisches Theater auf die Bühne gebaut, das durch die magische Ausleuchtung Fabrice Kebours betört.

          Die Orgie als Opferfest: In Szymanowskis „King Roger” stirbt Roxana durch die Hand des fremden Hirten
          Die Orgie als Opferfest: In Szymanowskis „King Roger” stirbt Roxana durch die Hand des fremden Hirten : Bild: AP

          Über die Enthemmung

          Aber genau um diese Macht der Verführung geht es dem Regisseur: Zwei Akte lang wiegt uns Pountney in der Illusion, der fremde Hirte bringe endlich Leben und Schönheit zurück in eine freudlos in Zwängen der Moral und Religion erstarrte Welt. Erst im dritten Akt enthüllen blutige Tier- und Menschenleiber, was Rausch und grenzenlose Sinnlichkeit mit dem Verstand anrichten. Der Hirte, ein Wiedergänger des Rauschgottes Dionysos, entpuppt sich als übler Verführer, der auf dem Höhepunkt der Orgie die willfährige Roxana abschlachtet. Umso stärker wirkt nach diesem Blutrausch die finale Wendung, Szymanowskis ureigenste Zutat zum Stoff: Roger löst sich vom heidnischen Kultus und wendet sich der Sonne zu, dem mächtigen Symbol des Tages, der Lebensbejahung und der Kraft der Vernunft.

          Der Ausgleich zwischen Sinnlichkeit und intellektueller Kontrolle, der hier am Ende gelingt, prägt auch das Dirigat von Mark Elder, der Szymanowskis Musik mit den hervorragend disponierten Wiener Symphonikern klangvoll, doch nie schwülstig tönen lässt. Die stimmige Sängerbesetzung, allen voran der machtvoll um letzte Fragen ringende Roger von Scott Hendricks, die hingebungsvolle Roxana von Olga Pasichnyk und der schlafwandlerisch sichere Hirte von Will Hartmann, tragen zum Erfolg dieses Abends bei.

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