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Opern-Uraufführung : Liebe im Maßanzug

  • -Aktualisiert am

„Heart Chamber“: Patrizia Ciofi (als Sie) singt zu Dietrich Henschel (als Er). Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Claus Guth bringt an der Deutschen Oper in Berlin „Heart Chamber“ von Chaya Czernowin zur Uraufführung – mit allen regietechnischen Raffinessen ganz nach Publikumsgeschmack.

          3 Min.

          Jubel empfing die Komponistin Chaya Czernowin nach der Uraufführung von „Heart Chamber. An Inquiry about Love“ in der Deutschen Oper Berlin. Tatsächlich war es ein gelungener Abend gewesen, heutig genug, um jegliche Wünsche nach Live-Elektronik und Videoformatierung zu erfüllen, zugleich von hoher handwerklicher Qualität, so dass auch jene zufrieden sein konnten, die sich vom Musiktheater vor allem Schöngesang und üppige Ausstattung erwarten.

          Vielleicht dürfte an dieser Stelle sogar das Wort „schnieke“ fallen, denn schnieke war so vieles an dieser Premiere, die in nur anderthalb Stunden vorüberschnurrte: die Geschichte von Frau und Mann, die in ihre Liebesbeziehung hineinfallen wie in einen tiefen Schacht, zuerst verzaubert, dann verschreckt; die Drehbühne mit Betontreppe und vertrocknender Rasenfläche, die das Paar in seinem Lebensraum zeigte, moderne Tiere zwischen Stein und Borke; die Videoprojektion, die das Paar durch die Fußgängerzone der Wilmersdorfer Straße schickte; die fantastisch feine, golddurchwirkte Instrumentalmusik, die Czernowin für all das ersonnen hat.

          Stimmt, die gab es ja auch noch. So sehr nämlich dominierte Claus Guths Inszenierung diese Liebesgeschichte, die sich immer wieder ins Neurotische wendet, so stark wirkten auch die Ausstattung von Christian Schmidt und die Video-Designs von Rocafilm, dass man einerseits zwar beglückt war über das Reenactment des Wagnerschen Ideals vom Gesamtkunstwerk. Andererseits wurde es aber zur hohen Aufgabe, die Liebenden aus dem Wimmelbild herauszuklauben. Und schließlich hatte es auch die Musik selbst schwer, denn permanent drängten die Bühnenrotationen, die groß dimensionierten Videofilme, Naturrelikte und städtischen Interieurs vor das feine Pingen und Flattern und Rascheln und Sirren, das Czernowin im Wortsinne komponiert hat, zusammengestellt zu einem großen, anziehenden, organisch gewirkten Ganzen.

          Dass Musik das ästhetisch stärkere Medium ist, sintemal sie das Unaussprechliche ausspricht, gilt eben nicht angesichts der Krallen und Möglichkeiten, die die moderne Opernbühne ausfahren kann. Und ein Werk wie „Heart Chamber“, das so sehr auf die Ränder des Klanges gerichtet ist, das zugleich von den Zuhörern viel Aufmerksamkeit fordert für das Allerinnerste einer Beziehung, ein solches Werk wird unter der souveränen Verbildlichung immer ebenso leiden wie es in seinen schwächeren Momenten davon profitiert.

          Es tat in diesem Sinne wohl, dass der Abend musikalisch erstklassig war und Czernowins Klangkunst auf diese Weise doch zu ihrem Recht kam. Aufs Genaueste hatte sie angelegt, was nun von allen Richtungen her durch den Raum wallte und dampfte: Aufnahmen eines Bienenschwarms, dumpf wallende Schlagzeugbässe, ein Miauen in den Streichern, böige Frikative in den Sängerstimmen zum Scheitern der Liebe. Registerfarben kreuzten sich mit dynamischen Schattierungen, akustische Klänge mit elektronisch verfremdeten, Liegeakkorde mit Tönen wie Tupfen.

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          Am Pult des Orchesters der Deutschen Oper stand Johannes Kalitzke, der vor fast zwanzig Jahren bereits die Münchner Uraufführung von Czernowins erster Oper, „Pnima... Ins Innere“, dirigiert hatte. Rechts im Parkett wirkte Frauke Aulbert als „Die Stimme“, Uli Fussenegger neben ihr leitete die Aufführung mit einem kunstvollen Kontrabass-Solo ein. Linker Hand hatte man das vierköpfige Ensemble Nikel plaziert. In den Zuschauerlogen saß ein Vokalensemble, und irgendwo im Verborgenen betreuten Abgesandte vom SWR Experimentalstudio die Klangregie und die live-elektronische Realisation.

          Auf der Bühne aber brillierten die Sopranistin Patricia Ciofi als Sie und der Bariton Dietrich Henschel als Er, sie brillierten aber sehr dezent, denn in „Heart Chamber“ geht es nicht um große Gefühle, sondern um „kleinste psychische und physische Veränderungen“ (Czernowin). Urs Schönebaums Licht strahlte die beiden anfangs an, als wolle es sie aufspießen wie Insekten in einer Vitrine. Zum zentralen Wortwechsel kam es dann schon bei der ersten Begegnung, die mehrfach variiert und zuletzt nochmals aufgenommen wurde, immer begleitet von der klug geführten Statisterie: Ihr fiel auf der Treppe ein Glas aus der Hand, das Er nun aufhob. „Bitte vorsichtig, es ist zerbrechlich.“ – „Ach, passt schon, bitte, hier.“

          Was hinter solchen ersten Sätzen als Angst leibt und lebt, dies zu äußern war der Altistin Noa Frenkel und dem Countertenor Terry Wey aufgegeben. In ihrem selbst verfertigten englischsprachigen Libretto hat Czernowin die beiden als Doppelung des Liebespaares vorgesehen, eine Melange von innerer Stimme und Zwangsgedankenecho, wie überhaupt diese großstädtische Liebesgeschichte, sollte es je möglich sein, sie mitsamt der ganzen Inszenierung auf die Couch zu legen, bestimmt prima psychoanalytisches Futter hergäbe. „M-Maybe he fell ill and couldn’t leave the studio“, hätte Roy Lichtenstein vielleicht zum Schluss aus dem Jenseits gerufen, wäre Humor ebenfalls Teil dieses Abends gewesen, hätte es ein Nachdenken darüber gegeben, dass hier immer auch Geschlechterbilder verhandelt wurden. So aber blieb es dabei, dass Sie am Ende sagte, „I love you“, während Er bloß schwieg. Ein Blatt begann elektronisch zu knistern, kein Regen kam.

          Chaya Czernowin, die als Kompositionsprofessorin an der Harvard University lehrt, hat nach „Pnima“ und „Infinite now“ von 2016/17 nun schon zum dritten Mal mit Guth und Schmidt zusammengearbeitet. Zweifellos ist auch die neue Kooperation kongenial geraten. Passgenau schmiegten sich Libretto, Musik und die vorsichtig hergestellten Handlungsfragmente allerdings auch den Erwartungen des wohlsituierten Berliner Publikums an: eine operative Maßanfertigung für ein spezifisches Milieu, die zumindest an diesem Abend keine Wünsche offenließ.

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