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Die Oper „Anna Nicole“ : Busenfreunde des modernen Elends

  • -Aktualisiert am

Weh und Dekolleté: Die Sopranistin Eva Maria Westbroek singt und spielt die Titelrolle in „Anna Nicole” Bild: dapd

Covent Garden nimmt sich einen populären Mythos zur Brust: Mark-Anthony Turnage hat eine Oper über Anna Nicole Smith komponiert und amüsiert mit flotter Gesellschaftskritik. Selten ist eine Aufführung so begeistert aufgenommen worden.

          Überlebensgroße Figuren gehören zum Standardrepertoire der Oper. In dieser Hinsicht entspricht Mark-Anthony Turnages Stück „Anna Nicole“, die das armselige Leben der vor vier Jahren an einer Überdosis Medikamente gestorbenen Sexikone auf die Bühne den königlichen Opernhauses in London bringt, bester Tradition. Von dem chirurgisch vergrößerten Doppel- D-Busen über die Disney-Kuscheltiere bis hin zur Matratze des Betthäschens, das sich einen tattergreisen Ölmilliardär angelt, ist alles Supersize in dieser grellen Satire auf die amerikanische Konsumgesellschaft.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Für die Uraufführung, mit der Covent Garden ein junges Publikum erreichen will, hat sich das Haus mit Leib und Seele dem Thema anverwandelt. Die Foyers sind wie für ein Themenfest mit Anna-Nicole-Fotos nach Art von Pin-up-Bildern geschmückt. Auch das Programmheft passt sich dem reißerischen Boulevardstil an. An Stelle des rotsamtenen Vorhangs mit den Initialen der Königin ist die Bühne mit einer knallrosafarbenen Gardine behängt, auf der die Buchstaben „A-N-R“ prangen: Anna Nicole Regina.

          Ein Schelm, wer Arges dabei denkt

          Über dem Medaillon der Königin auf dem Bühnenbogen hängt das lächelnde Konterfei des Models. Ihr Bild ersetzt auch das Schild auf dem abgewandelten königlichen Wappen, wo zwei amerikanische Cheerleader für die heraldischen Tiere einstehen. Die ritterliche Devise, „Honi soit qui mal y pense“ - ein Schelm, wer Arges dabei denkt - erhält plötzlich eine ganz neue Bedeutung.

          Nach oben, nach oben: Szene aus „Anna Nicole”

          Die Oper von Mark-Anthony Turnage persifliert den von den Medien geschürten Promikult, dem das einfache Mädchen aus einer dysfunktionalen Arbeiterfamilie zum Opfer gefallen ist. Die Oper schildert ihren Weg aus der tiefsten amerikanischen Provinz ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. „Unverheiratet, flachbusig und verschuldet“ (Programmheft) startet sie als Schnellimbisskellnerin, die von der großen Welt träumt. Sie avanciert zur Stangentänzerin und legt sich dicke Silikonimplantate zu, die ein ständiges, zur Tablettensucht führenden Rückenleiden verursachen, ihr aber auch die Ehe mit dem geriatrischen J. Howard Marshall II ermöglicht.

          Dieser hat, wie er fröhlich bekundet, bereits acht Jahrzehnte des amerikanischen Traums auf dem Buckel und verliert schon bald den Kampf um die ewige Jugend. Angeheizt von einem ehrgeizigen Anwalt, der ihr wie ein Stalker nachstellt, verstrickt sich die junge Witwe in Erbstreitigkeiten, die die Gerichte bis heute beschäftigen. Die Heldin verliert und wird zum Inbegriff der Couch-Potato, die sich mit Junkfood und Medikamenten betäubt. Turnage und sein Librettist Richard Thomas, der bereits mit einem Musical über den Talkmaster Jerry Springer die Absurditäten der amerikanischen Lebensart parodierte, sehen Smiths Biographie als Metapher für die Schalheit des amerikanischen Traums und verleihen dem Stück am Schluss eine pathetisch-anklägerische Note: „Amerika, du dreckige Hure, ich gab dir alles, du wolltest mehr!“, lautet der Abgesang der Titelheldin, die den falschen Vorstellungen von Ruhm und Reichtum aufgesessen ist.

          Hotellobbymusik mit einem Hauch Mendelssohn

          Richard Jones liefert eine Abfolge komikartiger Szenen. Sein poppiger Regiestil steht in perfektem Einklang mit den flotten Reimpaaren des Librettos. Mit viel Liebe zur Zote steuert es den Rhythmus der jazzigen, von Gerschwin angehauchten Partitur, die Antinio Pappano entsprechend spritzig dirigiert. Die Bühnenbilder und Kostüme von Miriam Buether und Nicky Gillibrand vergegenwärtigen die ordinäre Welt der Anna Nicole in wunderbar ironischen Tableaus: der Schnellimbiss, der zum Talkshowstudio mutiert; der Tanzclub mit den geifernden Proleten; der Chor der stumpfsinnigen Walmart-Kassiererinnen; das Wartezimmer des Schönheitschirurgen, wo ein Frauenquartett das Los der „rastlosen, brustlosen Massen“ beklagt.

          Mokant mischt Turnage typische Hotellobbymusik mit einem Hauch Mendelssohn, eine je eigene musikalische Farbe für die Akteure und ihre Rolle findet er aber nicht.

          Der holländischen Sopranistin Eva-Maria Westbroek gelingt ein erstaunlicher Kraftakt in der Titelpartie. Mehr Mae West als die von Anna Nicole verehrte Marilyn Monroe verkörpert sie eine Mischung aus Grobheit, Naivität und Unbedarftheit. Köstlich auch die schnodderigen, Nägel feilenden Tanzgirls und Alan Okes im Rollstuhl als wippender J. Howard Marshall, der sich beglückt im Riesenbusen seiner Frau verliert.

          Selten ist eine Aufführung in diesem Haus so begeistert aufgenommen worden. Covent Garden hat bereits im Vorfeld Wirbel gemacht - mit den gleichen Methoden des Promikults, den Turnage ins Visier nimmt. Die Rechnung ist fürs Erste aufgegangen. Ob diese Show die Zukunft der Oper darstellt oder eher als Musical zu werten ist, steht allerdings zur Debatte.

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