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Kirchenmusik in Wien : Eine Riesenorgel für den Stephansdom

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Prospekt der neuen Orgel im Wiener Stephansdom (Teilansicht) Bild: Konstantin Reymaier

Nach 45 000 Arbeitsstunden hat der Wiener Stephansdom endlich eine neue Riesenorgel. Sie ist das größte Instrument Österreichs. Und sie füllt auch klanglich den akustisch heiklen Raum.

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          Achthundert Jahre lang hatte der Wiener Stephansdom allen Widrigkeiten getrotzt; Feuersbrünste, Türkenbelagerungen und Franzosenkriege unbeschadet überlebt. Selbst die zahlreichen Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs konnten die gotische Kathedrale nicht in ihrer Substanz treffen. Es waren Plünderer, die in der Nacht vom 11. auf den 12. April 1945 in den Häusern auf der Westseite des Stephansplatzes Feuer legten und damit das Schicksal des „Steffls“ besiegelten: Ein Funkenregen, angefacht vom starken Wind, ergoss sich über das durchlöcherte Dach und steckte die jahrhundertealten Holzbalken in Brand.

          Das „Wimpassinger Kreuz“ aus dem dreizehnten Jahrhundert, das imposante spätgotische Chorgestühl von Wilhelm Rollinger, darüber die barocken Kaiseroratorien und die Chororgel von 1702 sowie viele andere bedeutende Ausstattungsgegenstände wurden ein Raub der Flammen. Brennende Teile fielen auch in die Hauptorgel auf der Westempore, die laut Augenzeugen durch den Kamineffekt einen letzten kakophonen Klageschrei ausstieß, ehe das Pfeifenwerk in sich zusammenstürzte. Nur Stunden später durchschlug die zweiundzwanzig Tonnen schwere „Pummerin“, die größte Glocke und Wahrzeichen Österreichs, das Kirchengewölbe und zerschellte am Boden in tausend Einzelteile.

          Direkt nach Kriegsende begann der Wiederaufbau, der unterstützt von zahlreichen Spenden aus der Bevölkerung und der Beteiligung aller Bundesländer zum Symbol der Wiederauferstehung einer ganzen Nation wurde und mit der 1960 geweihten „Riesenorgel“ von Johann M. Kauffmann auf der Westempore über dem sogenannten Riesentor vorerst seinen klanggekrönten Abschluss fand. Auch die Bundesrepublik Deutschland „spendete einen namhaften Betrag für den Bau der neuen Riesenorgel“, wie es auf einer Gedenktafel im Vierungsbereich heißt.

          Doch bereits bei der Orgelweihe war die Enttäuschung groß: Das neue, durchaus mit klangschönen Registern ausgestattete Instrument war schlicht nicht raumfüllend. Das Domkapitel sah sich mit dem Vorwurf der „Freunderlwirtschaft“ konfrontiert, wo noch dazu die Orgelbaufirma Kauffmann auf kein Referenzinstrument dieser Größenordnung verweisen konnte. Mit der Inbetriebnahme der neuen Chororgel 1991 im Apostelschiff, die von Anfang an als neues Hauptinstrument geplant wurde, entschied man sich drei Jahre später angesichts sich mehrender Mängel und Kurzschlüsse, die „Riesenorgel“ vom Netz zu nehmen und das Gebläse auszubauen.

          Das unbefriedigende Klangergebnis hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen ist der Dom ein akustisch heikler Raum. Das Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts neu gebaute Netzrippengewölbe folgt der damals beliebten Form der Pseudobasilika: Das Gewölbe des Mittelschiffs ist rund fünf Meter höher angesetzt als die der beiden Seitenschiffe. Riesige Bogenzwickel, Hunderte von Quadratmetern nackter und schallabsorbierender Sandstein sind die Folge, die zusammen mit den zahlreichen Verzierungen im Dominneren den Klang wie ein Schwamm schlucken. Selbst eine mit hundert Instrumentalisten und riesigem Chor besetzte Bruckner-Messe dringt von der Westempore nicht in den Altarbereich vor.

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