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Nichts mehr zu lachen: Putins ideologisch vereistes Russland Bild: Wilfried Hösl

„Die Nase“ in München : Winterbilder ohne Selbstmitleid

  • -Aktualisiert am

Serge Dorny ist neuer Intendant der Staatsoper München. Er zeigt mit seinem Spielplan und mit Schostakowitschs „Nase“ in der Regie von Kirill Serebrennikow, dass ein neuer Geist ins Haus zieht.

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          Während gestopfte Trompeten erste Fanfaren in den Raum stottern, fischen winterlich vermummte Gestalten Leichenteile aus Eislöchern der Newa – und sind darüber nicht mal erstaunt. Sankt Petersburg im Winter. „Die Nase“, Dmitri Schostakowitschs genialischer Jugendstreich, nicht als revuehaft-witzelnde Satire, sondern als makaber realitätsnahe Tragödie. Kirill Serebrennikow weiß, was er inszeniert.

          Physisch ist der mit Reiseverbot belegte russische Regisseur am Premierenabend der Bayerischen Staatsoper weit weg. Aber was er in drei Moskauer Probenwochen mit den Hauptdarstellern, später dann mit Zoom und vielen Assistenten aus der Ferne erarbeitet hat, erreicht uns trotzdem ganz direkt. Er selbst ist ein Mann ohne Nase, ohne Identität, ohne Pass.

          Ein autobiographischer Abend, gewiss, aber kein selbstmitleidiger. Serebrennikow zeigt Menschen in Käfigen, denen die Justiz buchstäblich die Nasen absäbelt; er zeigt Putins ideologisch vereistes Russland zwischen Absperrgittern und Panzerwagen, brutal gestoppten Demos und Touristenfolklore, sinnfreien Polit-Interviews, erfrorener Demokratie und religiösem Kitsch. Nasen als Identitäten und Privilegien gibt es hier viele, sie verfratzen die Gesichter des riesigen Sängerensembles.

          Ein programmatischer Start

          Wer seine Nase verliert, wie der im Mittelpunkt stehende Kollegienassessor Kowaljow, den Boris Pinkhasovich mit schönstem Bariton singt, der sieht plötzlich ganz normal aus – und wird automatisch zum Außenseiter. Serebrennikow inszeniert, wie immer, hyperrealistisch und parabolisch zugleich. Das ist sein Markenzeichen, seine Kafka-Nähe, seine Wahrheitssuche. Der Bayerischen Staatsoper beschert er damit den starken Auftakt einer neuen Ära.

          Es war die erste Premiere der Intendanz von Serge Dorny, nicht aber ihr eigentlicher Anfang. Ein „Septemberfest“ lockte viele Besucher erstmals in den Tempel des Nationaltheaters und ins barocke Schmuckkästchen des François de Cuvilliés: kurze Formate von einer Stunde, moderate Preise bis 25 Euro, drei Veranstaltungen am Tag, offene Türen, der Brunnenhof der Residenz als Piazza für Begegnungen und Partizipatives – das alles war nicht nur Corona-Auflagen abgetrotzt, sondern auch programmatischer Start, eine Handschrift. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Klaus Bachler sucht Serge Dorny die Kommunikation.

          Er mischt sich unter die Leute, er thront bei der Premiere nicht für alle sichtbar in der Proszeniumsloge, sondern sitzt im untersten Rang, wo es ohnehin besser klingt. Er schielt weniger zur New Yorker Metropolitan Opera oder Londons Covent Garden, sondern arbeitet konkret mit anderen Münchner Theatern zusammen. Sein neues Festival »Ja, Mai« stellt im Frühjahr 2022 nicht nur Monteverdi und Georg Friedrich Haas gegenüber, es bezieht Schauspieler der Münchener Kammerspiele ein und findet zum Teil im Volkstheater statt.

          Provinziell wird die Bayerische Staatsoper damit keineswegs, im Gegenteil: Teodor Currentzis und Romeo Castellucci sind zuständig für einen der drei dramaturgisch klug gebauten Abende, Titus Engel und Claus Guth für einen anderen. Christoph Marthaler, den Bachler – wenig glücklich – mit Aribert Reimanns „Lear“ betraute, kommt für Lehárs „Giuditta“ wieder.

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