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„Die Nase“ in der Met : Endlich die ersehnte Sensation

  • -Aktualisiert am

Hommage an die russischen Konstruktivisten: Kentridge bringt die doppelte Nase auf die Bühne Bild: Ken Howard/Metropolitan Opera

Auf der Suche nach der verlorenen Nase: William Kentridge lässt Schostakowitschs „Die Nase“ spektakulär durch die Met kreisen und bespielt zugleich das MoMA. Das Publikum erlebt keine Operninszenierung, sondern macht eine multimedial Grenzerfahrung.

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          Im Film stammt die Nase oft aus der Vorratskammer des Schönheitsarztes. Hollywood ist ohne „nose job“ gar nicht mehr denkbar. Das Kino gehört dem Rhinoplastiker. Obwohl sich die Metropolitan Opera jetzt in ein phantastisches Lichtspielhaus verwandelt hat, herrschen hier andere Regeln.

          Der Kollegienassessor Platon Kusmitsch Kowaljow, dem in Dimitrij Schostakowitschs unvergleichlicher Erstlingsoper „Die Nase“ selbige abhanden kommen soll, braucht sich keiner Operation zu unterziehen. Er behält sein Riechorgan, selbst während wir es durch St. Petersburg spazieren und in der Kasaner Kathedrale beten sehen, ganz handfest und in Überlebensgröße auf der Bühne, schattenförmig und als Silhouette in allen nur möglichen Dimensionen, Überblendungen und Verschichtungen im Film.

          Eine einzige Hommage

          So will es der südafrikanische Zeichen- und Videokünstler William Kentridge, der sein Publikum weniger zu einer Operninszenierung einlädt als in eine multimedial entgrenzte Erfahrung verstrickt, in einen wohlbegründeten Musiktheaterrausch, in dem sich die Bühne in Projektionen auflöst und doch Bühne bleibt. Die Met hat endlich ihre visuelle Sensation.

          Gennady Bezzubenkov als Doktor (li.) mit Paulo Szot as Kowalyow

          Indem Kentridge dem Mann, der nach seiner verlorenen Nase sucht, diese gut sichtbar belässt, fügt er einer aus Absurditäten zusammengesetzten Handlungsmontage eine weitere hinzu. Zugleich aber bringt er so auch die metaphorische Ebene ins Spiel. Lebte Nikolaj Gogols Erzählung, auf die sich Schostakowitsch stützte, noch aus den surrealen Verwirrungen und Groteskerien, die dem Staat und seiner Bürokratie innewohnen, dreht Kentridge das Rad der Zeit hundert Jahre weiter, bis in die Entstehungszeit der Oper.

          Und da wird er nun ganz deutlich, stilistisch und thematisch. Die gesamte Bühne ist eine einzige Hommage an die sowjetrussischen Konstruktivisten, mit ihrer markanten Grafik, ihren geometrischen Explosionen und ins knallige Rot getauchten Punkten und Ausrufungszeichen. Derart dynamisiert, regnen Libretto, Kommentare, historische Zitate auf die Bühne herab, schwirren und fliegen und sausen über eine Kulissenlandschaft, die ihrerseits aus einer Kollision von Zeitungsartikeln und Bücherseiten beruht.

          Dokumentarschnipsel von Aufmärschen

          Dazu kommen und damit vermischen sich, so verblüffend wie bezwingend, Zutaten in Kentridges eigener künstlerischer Handschrift, seine schattenspielhaften Passagen und Animationsfilme mit Figuren, geboren aus schwarzen Papierfetzen. Nur als Zeichner hält Kentridge sich weitgehend zurück. Ein ausgewachsenes Wunder ist es, dass Kowaljow samt den achtzig anderen Bühnencharakteren, die sich in sein Leben einmischen, nicht in der Bilderflut ertrinkt. Das Handwerk des Theatermanns, als der Kentridge seine Karriere begann, macht sich so bemerkbar, und es spricht aus jeder genau durchformten Szene, aus jedem Atemholen im hektischen Aktionsgehämmer und jedem hochstilisierten Bewegungsablauf, der sich auch wieder auf konstruktivistische Vorbilder, diesmal des Theaters, bezieht, nicht jedoch auf sie beschränkt ist.

          Kowaljows Nase mag durch Dokumentarschnipsel von Aufmärschen und Ansprachen geistern, sie mag den Oberkörper der Primaballerina Anna Pawlowa ersetzen und sich sogar über Schostakowitsch stülpen, der kurz einmal am Klavier sitzt, aus dem er das revolutionäre, bloß fürs Schlagzeug orchestrierte Zwischenspiel zu hämmern scheint. Aber Kentridge verliert sich nicht in Musik-, Kunst-, Gesellschafts- und Politikgeschichte.

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