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Moskauer Theater : Ist eine solche Offenheit nicht unerträglich?

  • -Aktualisiert am

Von Jugendlichen kontrovers diskutiert: Das Stück „Zuckerkind“ feiert die Poesie als Mittel der Verständigung. Bild: Jelena Krajewa

Ob Polizeikomödie, Dichterkabarett oder Dokumentardrama für Jugendliche – die Moskauer Theater spielen in der Coronakrise um ihr Leben.

          5 Min.

          Das Moskauer Theaterleben gleicht angesichts steigender Corona-Infektionszahlen bei fehlenden staatlichen Unterstützungsprogrammen einem verzweifelten Kunstfest zu Zeiten der Pest. Die Ensembles, die ihren Unterhalt bestreiten müssen, spielen in dichtbesetzten Sälen vor Zuschauern, die Masken tragen und zum Nebenmann jeweils einen Platz frei lassen. An vorsorgliche Schnelltests für Solisten ist schon aus Kostengründen nicht zu denken, Krankheitsfälle führen nur zu kurzfristigen Umbauten im Spielplan.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass der Dirigent und Musikalische Leiter des Petersburger Michailowski-Theaters, Alexander Wedernikow, Ende vorigen Monats einer Corona-Infektion erlag – zwei Wochen nachdem er mit einer Premiere von Petro Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ die Saison eröffnet hatte –, erschien fast wie eine Nachricht im Frontbericht. Vorige Woche starb der 84 Jahre alte Moskauer Regisseur Roman Viktjuk ebenfalls an Corona. Sowohl das Michailowski- wie auch das Viktjuk-Theater spielen unterdessen weiter.

          Das unabhängige Moskauer Dokumentartheater „teatr.doc“ brilliert dieser Tage mit der äußerst aktuellen und erfolgreichen schwarzen Polizeikomödie „Der Mann aus Podolsk“, worin der Autor Dmitri Danilow einen gewöhnlichen russischen Schlafstadtbewohner in die Situation von Franz Kafkas „Prozess“ versetzt. Bevor es losgeht, bittet eine Theatermitarbeiterin das Publikum inständig, die Masken aufzubehalten – ansonsten würde das schon mehrfach zum Umzug gezwungene Haus von den Behörden geschlossen.

          Der Kammersaal wird zur Polizeiwache

          Dann wird der hier traditionell fast requisitenfreie Kammersaal zur Polizeiwache, wo ein junger Geistesproletarier (schüchtern und nüchtern: Anton Iljin) fragt, warum er verhaftet wurde. Die Beamten erklären, das würden sie noch herausfinden – in diese Situation kann im heutigen Russland praktisch jeder geraten. Als Zuschauer erwartet man untergeschobenes Rauschgift, Folterszenen, die aber nur angedroht werden. Danilows Polizisten erweisen sich als wohlmeinende Psychotherapeuten, die den Helden besser kennen als er sich selbst.

          Das Verhör ermittelt, dass das Polizeiopfer bei der Mutter wohnt, täglich stundenlang zur Arbeit unterwegs ist, von seiner Frau verlassen wurde, sich selbst als „Loser“ betrachtet und vom fernen Amsterdam träumt. Der Polizeioffizier (mit Verve verkörpert von Igor Stam, der auch Regie führt) ist entsetzt, dass der Podolsker „wie ein Tier“ bloß mechanisch existiere und seine Umgebung gar nicht mehr wahrnehme.

          Flankiert von einem bulligen Kollegen (furchterregend: der Stuntman Viktor Kusin), erklärt er dem Helden Eckdaten der Geschichte des heute zum Moskauer Großraum gehörenden Podolsk, dessen unerschöpfliche „fünfzig Grautöne“ ihm Darja Gainullina als attraktive Polizistin unter Einsatz all ihrer Reize ans Herz legt. Die gleichsam halbgöttlichen Beamten parlieren aber auch kenntnisreich über Industrial Rock, klassische Avantgarde und Wladimir Sorokin. Kein Wunder, dass sie ihrem Gefangenen als Zwangstherapie absurdistische Sprachübungen und Kollektivtänze aufnötigen, bei denen insbesondere der bärbeißige Kusin sich als akrobatischer Virtuose hervortut.

          Poetische und indirekte Sprache

          Im Meyerhold-Zentrum hat unterdessen das Stück „Zuckerkind“ über die kleine Moskauerin Stella Premiere, die als Tochter eines „Volksfeindes“ während des Stalin-Terrors nach Kirgisien deportiert wurde, inszeniert von der jungen Regisseurin Polina Struschkowa. Der wahren Geschichte des Kindes einer jüdischen Bildungsfamilie, die dank ihrer Erziehung und literarischen Kultur unter einem totalitären Regime so etwas wie unabhängiges Denken und persönliche Würde bewahren konnte, liegt das gleichnamige Erinnerungsbuch der Bibliothekarin Olga Gromowa zugrunde.

          Der Text und das Stück heben hervor, wie die indirekte und poetische Sprache ein Vehikel für Verständigung und Freiheit werden kann. Und die Trostformel der Mutter, freie Menschen seien nicht zu versklaven, scheint sich zu bestätigen, als einzelne Kinder dem aus der Pionierorganisation ausgeschlossenen Mädchen ostentativ die Freundschaft halten.

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