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Schauspiel Leipzig : In diesen Schlachten kann es keine Sieger geben

  • -Aktualisiert am

Felix Axel Preißler als Perserkönig „Xerxes“ beklagt seine Schmach vor dem Chor der Ältesten. Bild: Bettina Stöß

Ohne Hoffnung, ohne Illusionen: Enrico Lübbe inszeniert „Die Maßnahme“ und „Die Perser“ am Schauspiel Leipzig.

          3 Min.

          Die Partei, heißt es im Liede, hat immer recht, und das ist geradezu ein geflügeltes Wort geworden. Aber wer ist eigentlich die Partei? „Du und ich und ihr – wir alle. In deinem Anzug steckt sie, Genosse, und denkt in deinem Kopf“, heißt es bei Bertolt Brecht in seinem Lehrstück „Die Maßnahme“, zu dem Hanns Eisler die Musik geschrieben hat, samt dem „Lob der Partei“ mit Pauken und Trompeten. Was aber, wenn dieses „Du“ oder „Ich“ irgendwann nicht mehr mit der Partei übereinstimmt oder die Partei nicht mehr mit dem „Du“ oder „Ich“? Das kann den Abweichler das Leben kosten.

          So wie in der „Maßnahme“: Vier russische Agitatoren beginnen mit Unterstützung eines jungen Genossen ihre „illegale Arbeit“ in China, um die proletarischen Massen zu befreien. Weil der Genosse jedoch in Krisensituationen stets von der Parteilinie abweicht und dadurch ihre geheime Revolutionsmission gefährdet, bringen sie ihn um. Diese Geschichte tragen sie, indem sie seine Fehlentscheidungen vorspielen, einem Kontrollchor zur Beurteilung vor – der ihr Verhalten natürlich vollständig billigt. Denn wer für den Kommunismus kämpfe, singen sie, habe nur eine Tugend: dass er, ungeachtet von Moral, Gesetz oder Gefühl, für den Kommunismus kämpft. Die Uraufführung fand 1930 in Berlin statt. Unter dem Eindruck der stalinistischen Schauprozesse hatte Brecht sein Lehrstück dann lange gesperrt, es wurde erst 1997 wieder am Berliner Ensemble gezeigt.

          Ideologisch-rhythmische Beine machen

          Im Schauspiel Leipzig schlägt der Intendant und Regisseur Enrico Lübbe nun an einem zweistündigen Doppelabend einen Bogen von „Die Maßnahme“ – quasi einem Endpunkt der Dramatik – zu „Die Perser“ von Aischylos, dem ältesten bekannten, vollständig erhaltenen Theaterstück, 472 vor Christus in Athen uraufgeführt – als Nullpunkt der Dramatik. Das ist konsequent und differenziert gedacht, schließlich heben sich in ersterem Werk die konträren Argumente gegenseitig auf, energetisch gibt es keinerlei Bewegung mehr, thematisch zählt der einzelne Mensch nichts, während bei Aischylos nach der Niederlage der Perser im Krieg gegen die Griechen alles in Bewegung gerät und der einzelne Mensch, die hingeschlachtete „Blüte Persiens“, beklagt wird. Es handelt sich bei diesem spektakulären Programm um eine Koproduktion des Schauspiels Leipzig mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen in Kooperation mit dem Gewandhaus zu Leipzig. Von dort nämlich kommen die Musiker, die der „Maßnahme“ mit Hanns Eislers Kompositionen unter der souveränen Leitung von Marcus Crome die ideologisch-rhythmischen Beine machen.

          Bläser, Schlagzeuger und ein Pianist sind im ersten Rang zusammen mit dem vielstimmigen, gern fugierenden Kontrollchor untergebracht und erfüllen den riesigen Saal von oben mit eisig klirrender, schroff gesetzter Sphärendogmatik. Auf der Bühne stehen ihnen vor einer Wand mit verwaschen grauem Rastermuster die vier völlig anonymisierten Agitatoren gegenüber. Alle tragen blonde Perücken, helle Gesichtsmasken und Handschuhe, rote Jacketts, schwarze Schlipse, blaue Hosen (Kostüme: Bianca Deigner) und agieren wie ferngesteuerte Roboter. Anna Keil, Thomas Braungardt, Tilo Krügel und Dirk Lange wechseln sich in der Rolle des jungen Genossen ab – jeder könnte das austauschbare Opfer sein. Manchmal stoßen andere zu ihnen, die genauso aussehen wie diese Klone ohne Namen und Gesicht. Ihre Schritte, Gesten, Fingerzeige sind in der Choreographie von Stefan Haufe streng wie beredt formalisiert, tragen weder eine persönliche Note noch eine individuelle Prägung. Wenn die Videoprojektionen von „fettFilm“ immer wieder das Bühnenbild von Etienne Pluss überlagern, die Flächen auflösen und die Konturen verrücken, erhält das Geschehen zusätzlich eine unheimliche Dimension.

          Szenen aus „Die Maßnahme“

          Am Schluss schieben die Agitatoren die Mauer gemeinsam nach hinten, wo sie umfällt und dichten Nebel aufwirbelt, aus dem eine Frau in hellem Kleidchen auf hölzernen Kothurnen auftaucht. Hannelore Schubert als Chorführerin erzählt vom Krieg, zu dem die Perser ausgezogen sind, und fragt sich, warum kein Sendbote von Erfolgen kündet. Der halbnackte, gefesselte Bote, der dann über die umgestürzte Wand nach vorne taumelt, bringt freilich keine frohe Botschaft. Mit vor Erschütterung fast tonloser Stimme muss er stattdessen vom schlimmsten Gemetzel seit Menschengedenken berichten, in dem die persische Armee bei Salamis vernichtet wurde. Felix Axel Preißler wird später auch als König Xerxes auftreten, der für diese Niederlage verantwortlich ist, weil er sich arrogant „den Feldzug als eine Art Urlaub und als bloßen Durchmarsch“ vorstellte, wie Durs Grünbein zu seiner Übersetzung anmerkte. Xerxes wird seine Krone auf der langsam kreisenden Drehbühne ablegen, die der entsetzte, gebrochene Chor der Frauen und Alten verlassen hat und wo jetzt Haufen von Kleidern, Schuhen und Masken ein grausiges Schlachtfeld markieren.

          Ohne Hoffnung, ohne Illusionen weist Enrico Lübbe in seiner atmosphärisch packenden, diskursiv eindrucksvollen Inszenierung nach, dass in beiden Stücken keine Sieger existieren können. Um „der Sache“ willen müssen sich die Agitatoren die Menschlichkeit selbst austreiben, der König will die Menschen seines Volkes in seiner Hybris lieber gar nicht kennen. Wie ein angeschossenes Tier schreit er herum, wenn ihm die Chöre Namen um Namen zubrüllen, den Tod ihrer Eliten und ihrer Angehörigen anklagend. Die zeitlich so weit voneinander entfernten Dramen korrespondieren in dieser schönen wie intelligenten Aufführung aufregend miteinander und mit uns, sie geben keine Ruhe und kein Pardon. Fast erlösen „Die Perser“ die verpönte „Maßnahme“. Man muss viel Vertrauen zum Theater und zur Welt haben, um von solchen historischen Balancen zu träumen. Enrico Lübbe hat es, und seine beherzt aufrechte und sinnlich vergeistigte Inszenierung ist dafür ein wahrhaftiges Plädoyer.

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