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Berliner Staatsoper : Der sitzt und schwitzt und mosert nur

  • -Aktualisiert am

Hat ein schweres Päckchen zu tragen: René Pape (vorne) gibt den Falstaff mit der Noblesse verblichenen Rittertums. Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Ein gutgemeinter Neuanfang, mehr nicht: Die Berliner Staatsoper bekennt sich mit den „Lustigen Weibern von Windsor“ von Otto Nicolai zur deutschen Spieloper.

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          In der so gesichts- wie freudlosen, allseits von gewaltigen Wäschespinnen eingekreisten Vorstadtbungalow-Welt, die Patrick Bannwart für Otto Nicolais Shakespeare-Adaption auf die Bühne gesetzt hat, spielt neben Grillgerät und Zwerghecken auch ein mittelgroßer Pool eine gewichtige Rolle. Doch genussvoll durchs Nass treiben kann man in den Pfützen und Schaumresten, die da den Boden bedecken, schon längst nicht mehr; vielleicht reicht’s noch für ein bescheidenes Fußbad.

          Mit der Inszenierung von David Bösch verhält es sich ähnlich. Sie hat ein paar prägnante Einfälle, die wie in einer halbwegs funktionierenden Sitcom auch dann noch Spaß machen, wenn man sie schon kennt. Der latente, frustgeborene Alkoholismus der benachbarten Damen Fluth und Reich gehört ebenso dazu wie die theatralische Auszugsdrohung der Ersteren, als sie in den Turbulenzen des ersten Finales beginnt, Herzkissen, Minifernseher und anderen symbolträchtigen Krimskrams in eine kleine Bücherkiste zu stopfen. Doch aufs Ganze gesehen plätschert alles mit lauer Babybad-Temperatur vorbei: mal zu Falstaffs Trinklied ein Extempore mit einer traurig abgewrackten Hochzeitsgesellschaft; mal süddeutsche Dialekteinlagen für die Dialoge, die gegen den behäbigen Biedermeier-Trott des Librettos freilich rein gar nichts bewirken. Außerdem gibt es den verpeilten, mit seinem Öko-Fahrrädchen verwachsenen Streber Spärlich (Linard Vrielink) und dessen kalauerndes Gegenüber Cajus (David Oštrek), zwei Knallchargen, die am Ende entdecken, dass die Liebe auch unter Männern Spaß machen kann... ach ja. Manchmal ist man amüsiert, erheitert nie.

          Keine wirkliche Herzenssache

          Vollends in die Knie geht die Inszenierung im letzten Akt, der trotz eines hingehängten Riesenmondes komplett poesiefrei und in seinen Chorarrangements selten öde ist. Denn da wird zwar im Übermaß gedroht, gefuchtelt und gefuhrwerkt, doch Falstaff, dem der ganze Aktionismus gilt, bleibt dabei körperlich ganz unberührt, so als läge ein Bannkreis um ihn. Womöglich wäre René Papes adipösem Schnürwanst bei intimeren Annäherungen die Luft ausgegangen – was auch erklären könnte, dass er schon das ganze Stück hindurch schlaff herumsitzend und fast ohne Nahkontakte als depressiv angeödetes, grummelnd moserndes und nacktbäuchig auf sich selbst zurückgeworfenes Michelin-Männchen agieren musste. Stimmlich hingegen entfaltete der Bass die immer noch strahlende Noblesse verblichenen Rittertums, voluminös und raumgreifend, wenn auch trotz eines brünftig orgelnden Hirschschreies vielleicht etwas zu wenig archaisch-triebhaft für jene prollhafte Verkommenheit, die ihm Bösch und der Kostümbildner Falko Herold angehängt haben. Da war im Wortsinne ein schweres Päckchen zu tragen, aber Pape machte ziemlich viel draus.

          Das galt analog auch für seinen frustriert wühlerischen und düster dräuenden Gegenpart Michael Volle, dessen Fluth an diesem Abend als einziger Akteur so etwas wie eine tragische Dimension einbrachte: durch hilflos intrigantes Wüten um eine Liebe, die schon bessere Zeiten gesehen hat und nun nur noch als quälender Schatten einen Furor antreibt, der nie zur wirklichen Aktion werden kann. Im Schlussbild geht auch Volle, wüst mit der Kettensäge fuchtelnd, im Gewühl mehr oder weniger unter – und es war vielleicht kein Zufall, dass angesichts des ganzen, hilf- wie sinnlos in sich kreisenden, rasenden Stillstands der Aufführung selbst Daniel Barenboim die Koordination zwischen Orchester und Bühne taktweise aus dem Leim zu gehen begann. Auch vorher hatte es gelegentliche Abstimmungsprobleme gegeben, doch atmosphärisch war man bei der Staatskapelle und ihrem Chef angemessen aufgehoben. Barenboim zeigte viel Sinn für Nicolais an Bellini und Donizetti geschulter Italianità, das Lyrisch-Schwelgerische der Partitur, nicht ganz so viel für die quirligen komödiantischen Turbulenzen – insgesamt ein ehrenwerter Versuch, aber keine wirkliche Herzenssache.

          Massiver Sektmissbrauch im Vorfeld

          Trotzdem wäre auch schon etwas getan, wenn diese Premiere mittelfristig vielleicht eine Neubelebung der deutschen Spieloper in der Hauptstadt anstoßen könnte. Einem Mann wie Barrie Kosky möchte man jedenfalls zutrauen, mehr Gewitztheit und Drive auf die Bühne zu bringen, als es diesmal seinem jüngeren Kollegen gelang. Da war es fast symbolträchtig, dass auch dieser Abend seine besten Momente hatte, wenn er gewissermaßen in die Zukunft schaute: im Agieren des jugendlichen Paares Anna und Fenton. Anna Prohaska zauberte, obwohl manchmal stimmlich etwas eng, wunderbar den spröden Charme und das anrührend Unausgegorene eines sich selbst suchenden Teenagers nach, während Pavol Breslik, darstellerisch unauffälliger, mit seinen schwärmerischen Kantilenen jene Utopien neu beschwor, die den Alten irgendwann abhandengekommen sind. Für das Kommunizieren zwischen den Beiden – Graffiti, Tattoos, eine schnelle Nummer auf dem elterlichen Flachdach und dann wieder Verschlossenheit – fand Bösch eine schlüssige Bildersprache, und auch die Kapelle blühte in der Lerchenromanze und dem folgenden Duett mit innigen Holzbläsersätzen und einem schmelzenden Violinsolo besonders auf.

          Vergleichbare Sympathien konnten Michaela Schusters sonor angemüdete Frau Reich und Mandy Fredrich als ihre zappelig aufgeregte Nachbarin Fluth nicht erwecken. Doch auch sie fanden sich nach längeren Einlaufkurven gut zusammen. Mandy Fredrich, die ihre große Koloraturarie im Eingangsbild zwar geläufig, aber auch ziemlich nüchtern über die Rampe brachte, darf ihren Ehegatten, bevor am Ende der Vorhang fällt, noch mit unvermutet einsetzenden Sturzwehen überraschen; da konnte man ob des massiven Sektmissbrauchs im Vorfeld nur das Beste hoffen. Die neue Inszenierung jedoch, ebenfalls nicht ganz fertig zur Welt gekommen, braucht vielleicht noch eine Nachreife im Brutkasten.

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