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Kaija Saariaho 70 : Wenn der Schnee wie feiner Puder ist

  • -Aktualisiert am

Kaija Saariaho Bild: AP

Von grafischem Design zu kosmopolitischen Moralitäten: Die finnische Komponistin Kaija Saariaho wird siebzig.

          2 Min.

          Ihr Stück „Verblendungen“ für Orchester und Tonband sowie die „Jardin secret“-Trilogie ließen ahnen, dass die finnische Komponistin Kaija Saariaho Musikgeschichte schreiben würde. Damals, um 1985, vertrat sie einen spektralistisch überhöhten Impressionismus, doch im Laufe der Zeit wurden ihr Texte und Textdichter wichtiger. Heute steht ihr Name für sozial aufgeweckte Prägnanz. Die Oper „L’Amour de loin“ (2000) erzählt von der Sehnsucht des Kreuzritter-Troubadours Jaufré Rudel nach der Gräfin von Tripolis, das Opern-Oratorium „La Passion de Simone“ (2006) vom tragischen Schicksal der Sozialrevolutionärin und Mystikerin Simone Weil. Diese Werke und die Zeitoper „Adriana Mater“ (2006) basieren auf der Poesie des libanesisch-französischen Autors Amin Maalouf. In Saariahos neuester Oper „Innocence“ (2021) verantwortet die finnisch-estnische Literatin Sofi Oksanen den Tiefgang; der abwechselnd in neun Sprachen gesungene Text dieses Sozialthrillers stammt von Aleksi Barrière, dem Sohn der Komponistin. Mit der Uraufführung von „Reconnaissance“ für Chor, Schlagzeug und Kontrabass, zu einem Gedicht von Barrière, ehrte das Helsinki Festival die Komponistin, deren siebzigster Geburtstag am 14. Oktober 2022 gefeiert wird.

          Ein Wunderkind war Saariaho nicht. Sie besuchte eine Waldorfschule, zeichnete viel, spielte etwas Gitarre und Violine. Eine Mozart-Biographie schüchterte sie ein, und sie verdrängte den Drang, zu komponieren. 1976, nach einigen Semestern Design, Klavier und Musikwissenschaft, wurde sie an der Sibelius-Akademie Paavo Heininens Meisterschülerin. Danach lernte sie bei Klaus Huber und Brian Ferneyhough in Freiburg. In Finnland profilierte sie sich, neben Magnus Lindberg und Esa-Pekka Salonen, als Mitglied eines kosmopolitischen Avantgarde-Vereins. Gemeinsam strebten sie die Balance zwischen Impulsivität und innovativer Komplexität an. Erst viel später sprach Saariaho über die elementare Bedeutung der Naturräume: „Ich bewundere den magischen Augenblick, wenn im Wald, nach dem Regen, die Vögel sich durch die feuchten Blätter bewegen und singen. Oder wenn es sehr kalt ist, wenn der Schnee wie feiner Puder ist; das bewirkt eine besondere Stille. Und der Klangraum des feuchten, schweren Schnees. Alles ist tönende Atmosphäre.“

          Ihre Musik entsprach der um 1990 gängigen Idee von Feminität

          1980 hörte sie in Darmstadt Tristan Murails Vortrag über Musik als Bildhauerei und Klangorganismus. Bald danach wurde Saariaho eine Meisterin der grafisch skizzierten Klangentfaltung, der magischen Linien und des behutsamen Einsatzes der Elektronik. Den Umgang mit neuen Medien (Tonband, Live-Elektronik) perfektionierte sie am IRCAM in Paris, ihrer Wahlheimat.

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