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Zum Tod von Ester Mägi : First Lady der estnischen Musik

  • -Aktualisiert am

Ester Mägi (1922 bis 2021) Bild: Kaupo Kikkas

Für die Esten war es nie eine Diskussion, dass Frauen komponieren können. Ester Mägi stand dafür siebzig Jahre lang ein und auch für die Kontinuität estnischer Kultur. Jetzt ist die Komponistin mit 99 Jahren gestorben.

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          Für Estland war sie eine Jahrhunderterscheinung und gleichsam das poetische Gemälde ihrer selbst: Als Komponistin inmitten prominenter männlicher Kollegen erfolgreich, besaß sie ihren unverrückbaren Platz mit einer Musik, die so karg und zu Herzen gehend ist wie die Küstenlandschaft Estlands. Wenn sie sprach, klang ihre Stimme zurückhaltend, aber fröhlich. Ester Mägi war immer da, nicht unbedingt im grellsten Licht der später so berühmt gewordenen Musikexportwirtschaft Estlands, aber sie war da, interessierte sich für das Konzertleben, für die neue Musik der jungen Leute, für die Umbrüche der Zeit.

          Vor allem stand sie für zwei Dinge: Durch ihren Lehrer Mart Saar war sie verbunden mit der Urheimat professioneller Musik in Estland, dem St. Petersburger Konservatorium, wo Saar sein Diplom gemacht hatte. Zweitens war sie für die Esten die ganz natürliche Bestätigung, dass Frauen komponieren können, so wie sie als bildende Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen ihre Kreativität zur Geltung bringen. Ganz selbstverständlich standen schon während der frühen Nachkriegszeit in diesem Land Frauen wie Ester Mägi, Els Aarne und Lydia Auster auf der Bühne des Musiklebens. Nach ihrem Studium in Estland ging sie, wie in den späten Jahren der Stalin-Ära üblich, als Postgraduierte ans Moskauer Konservatorium zu Wissarion Schebalin, bei dem ein weiterer, für Estland wichtiger Komponist, Veljo Tormis, studierte. Das Studium in Moskau verschaffte ihr nicht nur politischen Schutz in Sowjetestland, es verwischte auch die Spuren für den in den Provinzrepubliken eifrigen Geheimdienst NKWD (später KGB): Bis in die Metropolen Leningrad oder Moskau reichten deren Fühler normalerweise nicht.

          Ihre Musik, die nach 1990 auch in Deutschland mit Sympathie zur Kenntnis genommen wurde, liebt die Töne einer pastellfarbenen Nationalromantik und ist doch präzis, knapp und prägnant. In Estland schätzt man ihre Kunst als Gestalt gewordene Kontinuität zwischen dem Bildungswunder des späten neunzehnten Jahrhunderts und unserer Gegenwart. Neben Chor- und Kammermusikwerken schrieb sie große Orchesterstücke, die über Plattenlabels in Estland und Finnland internationale Verbreitung fanden. Im In- und Ausland galt sie immer als „First Lady“ oder „Grande Dame“ der estnischen Musik. Am Freitag ist sie, sieben Monate vor ihrem hundertsten Geburtstag, in Estland gestorben.

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