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Opernuraufführung in Salzburg : Hinter den Kulissen von Paris

  • -Aktualisiert am

Marisol Montalvo in der Titelrolle der Oper „Thérèse“ von Philipp Maintz. Bild: © OFS/Matthias Creutziger

Die Osterfestspiele Salzburg bringen die Kammeroper „Thérèse“ von Philipp Maintz nach Émile Zola zur Uraufführung. Kurz vor dem Tod scheint sich dort das Paradies zu öffnen.

          Peter Ruzicka, noch bis ins nächste Jahr Intendant der Salzburger Osterfestspiele, hat schon deshalb ein Auge für aktuelle Musikentwicklungen, weil er selbst ein profilierter Komponist ist. Auch wenn die entsprechenden Termine nicht im Epizentrum des österlichen Musik-Hochamtes an der Salzach liegen, ist ihnen in diesem Umfeld Aufmerksamkeit sicher – zumal, wenn es sich um eine Uraufführung handelt wie die von Philipp Maintz’ zweiter Oper „Thérèse“, koproduziert mit der Staatsoper in Hamburg. Otto Katzameier hat dafür den schonungslosen Roman „Thérèse Raquin“ von Émile Zola auf 42 kurze Szenen komprimiert, und weil der Librettist im Hauptberuf Sänger und als solcher auch am Premierenabend präsent ist, wiederholt sich hier in amüsanter Weise die Konstellation um Emanuel Schikaneder, Mozart und deren erste „Zauberflöten“-Aufführungen anno 1791.

          Außer diesem fernen Nachschein des Salzburger Lokalheiligen gab es dann allerdings nichts mehr zu schmunzeln bei einem Stoff, der zum allgemeinen sozialen und erotischen Elend seiner Akteure im feucht-finster verschlufften Alt-Paris auch noch beängstigende physische Malaisen häuft: erst eine zu schlaffer Lebens- und Liebesuntüchtigkeit führende Behinderung Camilles, des einzigen Sohnes der armseligen Kleinhändlerin Madame Raquin, die als Tante und Pflegemutter von Thérèse die beiden quasi geschäftsgesetzlich ins Ehebett gedrängt hat; später die zunehmende Lähmung der alten Dame selbst, die das bittere Ende der Handlung nur noch in erstarrter Paralyse verfolgen kann. Camille ist da schon längst verschwunden, per Ersäufen um die Ecke gebracht von seiner freudlosen Zwangsehefrau und deren virilem Liebhaber Laurent – und indem sich nun auch noch das schuldgetriebene Mörderpaar mittels gemeinsamen Giftgenusses entsorgt, bleiben am Ende nur mehr drei Leichen und eine Todeskandidatin auf der Szene.

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          Mord und Selbstmord, Missbrauch, Brutalität und Demütigungen in Worten und Handlungen, tierisch wilde Liebesausbrüche nach endloser Langeweile, ätzende Eifersucht, Suff und schwitzige Albträume: genug Zutaten zu einem schwarzen Kammerspiel, dessen mühsam gewahrte kleinbürgerliche Fassade sich schon nach dem ersten Drittel zu zersetzen beginnt. Doch vielleicht fehlen diesem Fäulnisprozess, der so konsequent in die Agonie treibt, ein paar Gegengewichte. Zwar wird das Stück von Georges Delnon und seiner Ausstatterin Marie-Thérèse Jossen unaufwendig und figurendienlich inszeniert: Kommoden mit diversen Schüben bergen alle Requisiten, ihre Oberflächen, bootsstegartig verbrettert, wandeln sich in Tischplatten oder Betten, schaffen aber auch eine zweite Spielfläche für die lebhaften, zunehmend dumpf getriebenen Interaktionen, während an der Wand hängende Marinebilder den nassen Tod des Haussohnes assoziieren – doch über Strecken wirkt das Ganze wie ein zu lang dauernder und dann für alle Seiten nur noch anstrengender Krankenbesuch.

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