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Irish National Opera : Szene und Arie per Videokonferenz

„Let’s just not talk politics“: Rachel Croash und Raphaela Mangan in Hannah Peels Kurzoper „Close“ Bild: Ste Murray / Irish National Opera

Die Irish National Opera stellt gleich zwanzig neue Corona-Kurzopern ins Netz: ein beeindruckendes kreatives Statement über und gegen die kulturellen Einschränkungen dieser fürchterlichen Pandemie – und ein Vergnügen.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Die Szenerie ist denkbar reduziert. Eine Sängerin, ein Sänger sitzen sich in einem weißen Raum an einem langen weißen Tisch gegenüber, auf dem jede Menge Desinfektionsmittel drapiert ist. Je nach Abstandsregel lässt sich der Tisch zwischen den beiden verlängern. Zu Minimal Music à la Philip Glass erläutern die beiden singend Begriffe, mit denen wir uns angewöhnt haben umzugehen, wie Superspreader oder R-Faktor. „Dichotomies of Lockdown“ nennt Jenn Kirby ihre Kurzoper, in der sie verschiedene Stadien und Auswirkungen des Lockdowns thematisiert.

          Hannah Peel dagegen hat eine Romanze in Corona-Zeiten komponiert. Sam und Andi haben sich während des Lockdowns auf einer Videoplattform kennengelernt. Nun treffen sie sich zum ersten Mal in der Wirklichkeit. Kann es so etwas wie Romantik in Zeiten von Corona überhaupt geben? Das Date ist von vielen Unsicherheiten geprägt, noch mehr als im coronafreien Leben. Bei der ersten Berührung tragen sie Handschuhe. Und doch hört man eingängige, ariose Musik. Große Oper im Kleinformat unter Pandemiebedingungen: zwei Sängerinnen, vier Instrumente, aufgeführt auf der großen Bühne der Oper Dublin in einer Parkszenerie mit Laub auf dem Bühnenboden, Dauer acht Minuten.

          Hannah Peel und Jenn Kirby sind zwei von zwanzig Komponistinnen und Komponisten, die für das Projekt „20 Shots of Opera“ der Irish National Opera in Dublin (INO) eine Kurzoper komponiert haben. Die Vorgaben waren: sechs bis acht Minuten und kleine Besetzung sowohl der Sänger als auch der Musiker. Die Aufträge wurden von der INO an bekannte und unbekannte Komponistinnen und Komponisten aus Irland vergeben.

          Auswirkungen einer veränderten Kommunikation

          Die Idee zu diesem Kurzopern-Projekt hatte der Künstlerische Direktor der Irish National Opera, Fergus Sheil. Nachdem ihm klargeworden war, dass die geplante Neuproduktion von Rossinis „Wilhelm Tell“ wegen Corona nicht verwirklicht werden konnte, sei ihm die Idee für die Vergabe von Kompositionsaufträgen für zwanzig Kurzopern gekommen, erzählt er. „Es sollte ein ebenso wagemutiges Projekt werden wie die ursprünglich geplante Produktion. Eines, das genauso viele Menschen involviert und ebenfalls eine starke künstlerische Aussagekraft beinhaltet. Obwohl Irland international gesehen keine bedeutende Rolle auf dem Gebiet der Opernproduktionen spielt, gibt es bei uns doch eine Menge Komponisten, die sehr an neuer Oper interessiert sind und auch einige bemerkenswerte Werke geschaffen haben.“

          Insgesamt sind 165 Personen an diesen zwanzig Kurzopern beteiligt, aber in kleinen Gruppen von maximal zehn bis fünfzehn Leuten. Die Opern mussten nicht unbedingt etwas mit der Pandemie zu tun haben, sollten sich aber mit unserer gegenwärtigen Gesellschaft beschäftigen. Viele Opern behandeln dennoch die Pandemie, es geht um Lockdown-Erfahrungen, den Umgang mit Distanz und Vereinzelung, die Auswirkungen unserer veränderten Kommunikation.

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