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Die „Genesis“ als Theaterstück : Und Gott muss sehen, dass es Theater sein soll

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Das Messer des neuen Bundes: Niklas Kohrt in Stefan Bachmanns Bibel-Theater im Zürcher Schauspiel Bild: Toni Suter

Ein paar abgeschnittene Vorhäute und Lehmschlachten weniger hätten diesem vermessenen Bibelforscherprojekt gutgetan: Das Schauspiel Zürich bringt die Schöpfungsgeschichte auf die Bühne.

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          Am Anfang ist die Erde wüst und leer; 45 Tonnen Lehm sind im Zürcher Schiffbau zu einem matterhornartig steilen Berg Sinai aufgetürmt. Dann kommt der Schöpfer mit Cowboyhut, Vollbart und schwarzer Lederhose, schlurft dreimal um den Berg, stellt seine Wasserflasche ab, knipst das Leselicht an und beginnt die Genesis vorzutragen. Du sollst dir kein Bildnis machen, aber Michael Neuenschwanders Gott sieht jedenfalls wie eine Kreuzung aus Räuber Hotzenplotz, Rabbi und Django aus. Seine Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zum Turmbau von Babel dauert schon mal eine Stunde und ist ungefähr so aufregend wie die Bibellesung in der Kindermesse. Gott schimpft, flüstert und lächelt allwissend in seinen Bart. Kommt die Sintflut dran, setzt er ein Papierschiffchen in eine Wasserpfütze, wird der betrunkene Noah von seinen Söhnen aufgedeckt, lässt er die Hosen runter.

          Im Laufe des fünfstündigen Abends kommen immer mehr theatralische Mittel (und Männer in Adamskostümen, Unterhosen und staubigen Windeln) hinzu. Die Bilder werden größer, die Kostüme und Kulissen bunter, die mythischen Figuren individualisierter; der Nebel wallt, die Bässe von Sodom und Gomorrha wummern. Die Geschichte von Josef, die das erste Buch Mose beschließt, sieht dann schon fast wie Bachmanns altes Poptheater aus: Jakobs Söhne tragen wie im Italowestern gekreuzte Patronengurte, Sombreros und mürrischen Mienen zur Schau, Josef vertauscht seine rustikale Latzhose mit den sexy Glitzerhöschen und der Sonnenbrille des Superstars von Ägypten und bittet seine Brüder zum letzten Abendmahl mit Flaschenbier und Fladenbrot.

          Das letzte Tabu

          Man erfährt in Zürich einiges über Inhalte, Erzählstrukturen und Gottesbild des Pentateuch: Am Anfang ist der Herr ein eifersüchtiger, grausamer Gott, der quasi auf Augenhöhe dauernd einen Bund mit seinen widerspenstigen Knechten schließen will, am Ende zieht er sich als unbewegter Beweger seufzend aus seiner Schöpfung zurück. Aber religiös empfunden, theologisch durchdacht oder gar göttlich erhaben ist Bachmanns Altes Testament natürlich nicht: Es schwankt vielmehr unentschlossen zwischen Oberammergau und Ironie, szenischer Lesung und Erzähltheater.

          Anders als Oper, Film oder Thomas-Mann-Romane hielt das neuere Theater bislang ehrfürchtig Distanz zur Bibel, aber inzwischen fällt auch dieses letzte Tabu. Das Basler Theater bringt demnächst das erste Buch Mose auf die Bühne, das Münchner Volkstheater einen „Moses“; in Stuttgart wagt sich Ulrich Rasche an die Apokalypse. Nicolas Stemann und Stefan Bachmann kündigen unisono an, sie würden am liebsten nur noch „Die Bibel, ungestrichen“ inszenieren. In Zürich hat Bachmann jetzt schon mal angefangen. Der designierte Intendant des Kölner Schauspiels ist zwar ungetauft, hat aber in Basel schon mal ein achtstündiges Gottsucherdrama, Paul Claudels „Seidenen Schuh“, inszeniert. Nach eigenen Angaben ist er „völlig von den Socken“, seit er die Bibel liest. Was für ein Stoff aber auch: Vater-Sohn-Konflikte und Brudermord, Sex und Crime, Krieg und Frieden.

          Mit einem Heidenspaß

          Zehn Menschen und fünf lebende Schafe stellen bei Bachmann im Wechsel zwischen naiven Spielszenen, Nacherzählung und Karaoke-Playback nach, wie die Engel des Herrn, zwei Revolverhelden in Schwarz, Sara ein spätes Kind verkünden, wie die alten Juden die Beschneidung handhabten (eine blutige, schmerzhafte Angelegenheit, die jedes gerichtliche Verbot rechtfertigt), wie Abraham das Messer gegen Isaak erhebt, Onan seinen Samen fällen lässt und Laban, ein Barbarenkrieger mit Hörnerschmuck, seine Schwester Rebekka Isaak zur Frau gibt, wie Jakob seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht für einen Löffel Linsenpampe abkauft und Potiphars Weib Josef an die Wäsche geht. Kein Bibelvers wird geschnitten oder dramatisch geglättet, und das macht den Abend sehr lang.

          Bachmann hat einen Heidenspaß an seiner Genesis. Das kleingläubige Volk ist dankbar für jede kleine Einlage, die das episch kolossale göttliche Spiel auf Menschenmaß herunterbricht. Ein Knecht Abrahams orgelt sehr hübsch auf der Panflöte; auch die Babystimmenimitation ist drei- oder viermal ganz lustig. Aber Jakob wird mit einem Dutzend Kindern gesegnet, und wie die Häuptlinge, Sklaven, Haupt- und Nebenfrauen und Brunnen der Ammoniter, Edomiter und Amalekiter alle hießen, will man eigentlich gar nicht so genau wissen.

          Gottes ungnädige Aufnahme

          Neuenschwander zählt die Völker, nennt die Namen und kennt alle Geschlechterfolgen und Altersangaben auswendig: Eine gewaltige Gedächtnisleistung, die manchmal in die konkrete Poesie hinüberlappt. Aber auch die Heilige Schrift kann auf dem Theater durch Kürzungen nur gewinnen.

          Gott nahm das Brandopfer seines Knechtes Bachmann jedenfalls ungnädig auf. Kurz vor der Premiere erkrankten zwei Schauspieler, und so musste Dramaturg Lukas Bärfuss einspringen. Er überzeugt bei seinem Schauspielerdebüt als einer von Isaaks Glorreichen Sieben, muss aber auch nur grimmige Blicke unter seinem Billy-the-Kid-Zylinder hervorwerfen und ab und zu an der Bierflasche nuckeln. Ein bisschen mehr Schweigen und Demut, ein paar abgeschnittene Vorhäute und Lehmschlachten weniger hätten diesem vermessenen Bibelforscherprojekt auch ganz gutgetan.

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