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Stuttgarter Ballett : Cheerleader in Elektrobeat-Ekstase

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Junge Kräfte, die die Musik ihrer Generation hören: „Die fantastischen Fünf“ am Stuttgarter Ballett Bild: Stuttgarter Ballett

Wild und jung und völlig entgrenzt: Nach 22 Jahren verabschiedet sich Reid Anderson mit dem fulminanten Programm „Die fantastischen Fünf“ vom Stuttgarter Ballett.

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          Wer solche Talente in seinen Reihen weiß, muss sich um die Zukunft nicht sorgen. Ein letztes Mal hat Reid Anderson, der scheidende Intendant des Stuttgarter Balletts, jetzt einen Abend mit Uraufführungen gestaltet, die von ihm in Auftrag gegeben wurden. Ausgeführt haben sie vier Nachwuchschoreographen und der diesem Status längst entwachsene Marco Goecke. Wenn in dem Programm „Die fantastischen Fünf“ auch noch nicht alles perfekt aussah, hier und da ein dramaturgischer Zugriff gutgetan hätte, so beeindruckten doch immer wieder raffinierte Bewegungsfolgen.

          Das Stuttgarter Ballett ist neben seinem Cranko-Erbe berühmt für die Nachwuchsförderung. Gemeinsam mit der Noverre-Gesellschaft unterstützt es begabte Tänzer dabei, selbst zu choreographieren, und gibt ihnen die Möglichkeit, die ersten Werke vor Publikum aufzuführen. Aus den Reihen der Compagnie sind John Neumeier, William Forsythe, Jirí Kylián, Christian Spuck und eben auch Marco Goecke hervorgegangen. In seiner zweiundzwanzigjährigen Intendanz förderte Reid Anderson das zeitgenössische Ballett vorbildlich, mehr als hundert Uraufführungen hat er bestellt, natürlich nicht nur beim hauseigenen Personal und beim Nachwuchs. Daran wird sein Stellvertreter Tamas Detrich festhalten, der mit Beginn der nächsten Saison die Nachfolge antritt.

          Wer das Ballett für ein jüngeres Publikum interessant machen will, muss junge Kräfte engagieren, die die Musik ihrer Generation hören – so wie Louis Stiens, der sein Ensemble in „Skinny“ manchmal wie Cheerleader oder die Tanztruppe eines Popstars synchron tanzen lässt, bevor es sich auflöst und im nächsten Moment – jeder für sich allein – zu schnellen, harten Elektrobeats in Ekstase gerät. Völlig entgrenzt und abenteuerlich schnell tanzt und taumelt Shaked Heller in seinem fulminanten Solo über die Bühne, wild und doch absolut präzise in der Ausführung.

          Er, der sich eben noch als stark und unbezähmbar erlebt hat, tapst nach dem Ende des Rausches hilflos wie ein Kind umher. Noch direkter aus dem Alltagsleben erzählt der Auftakt des Abends, „Under the Surface“ von Roman Novitzky, illuminiert von einer eindrucksvollen Installation aus langen Reihen von Glühbirnen. Für seine tanztheatrale Studie eines gescheiterten Abends im Freundeskreis, der mit angeregten Gesprächen beginnt und mit erhobenen Fäusten endet, entwickelte Novitzky aus alltäglichen Gesten Tanz. Das wirkt alles gekonnt, aber auch sehr vertraut.

          Flemming Puthenpurayil und Daiana Ruiz in einer Szene des Programms „Die Fantastischen Fünf“ Bilderstrecke

          Die Beziehungskiste lässt Fabio Adorisio hingegen verschlossen. Der jüngste der Choreographen steuerte mit „Or Noir“ ein beeindruckendes, nichterzählerisches Ballett bei. Inspiriert von der japanischen Reparaturtechnik Kintsugi, die die Bruchstellen eines entzweigefallenen und geklebten Gefäßes mit Goldspuren sichtbar macht, lässt er sein Ensemble immer wieder auseinanderdriften und sich neu zusammensetzen, merkwürdig schief, aber interessant: Schön ist hässlich, hässlich ist schön. Die in schwarzen, mit goldenen Krakelees verzierten Trikots steckenden Tänzerinnen und Tänzer formen mit ihren Körpern die unregelmäßigen Linien der Scherben nach, mit herausgestreckten Ellbogen, abgeknickten Füßen, verrutschten Bewegungen. Symmetrische Formen, wie zum Kreis geschlossene Arme, werden vom Partner sofort aufgebrochen.

          Hier Gefühl, dort Show

          Das alles geschieht in einer schnellen, eleganten Tanzsprache, die das junge Ensemble wunderbar umsetzt, angetrieben von einem Streicherquintett, das eine Auftragskomposition von Nicky Sohn spielt. Katarzyna Kozielska, die nach siebzehn Jahren im Stuttgarter Ballett nun ihre Laufbahn als Tänzerin beenden wird, will sich künftig auf die Choreographie konzentrieren. In ihrem Stück „Take your pleasure seriously“ stellt sie ein inniges, formvollendetes Duett, das sich aus der Klassik speist, einer akrobatisch ausgerichteten, kalt und glatt wirkenden Bewegungssprache gegenüber und lässt zwei Welten aufeinanderprallen: hier Gefühl und Natürlichkeit, dort Show und Fassade.

          Nie war der Tanz so schnell und athletisch, auch bewusst hässlich oder absurd aussehend wie heute. Der Nachwuchs kennt die Arbeiten von William Forsythe, Wayne McGregor und Marco Goecke und knüpft daran für seine Suche nach eigenen Bewegungen an, um dem Gefühl der Zerrissenheit und der Entfremdung von sich selbst Ausdruck zu verleihen. Zum Abschluss gewährte Marco Goecke einen Blick in seine Dunkelkammer, mit Figuren, die aus dem Unsichtbaren auf die Bühne streben, mit flatternden Händen und Zuckungen. Keiner wurde am Premierenabend so gefeiert wie Goecke, der von der nächsten Saison an nicht mehr als Hauschoreograph in Stuttgart engagiert ist und ob der Ovationen und vielen Blumen mit den Tränen kämpfte.

          Tamas Detrich, der ihn nicht weiter dauerhaft verpflichten wollte, kann sich vorstellen, ihn für einzelne Arbeiten zu engagieren. Eine Neubesetzung der Stelle plant er vorerst nicht. „Wir sind kein Museum, es muss weitergehen“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Für die kommende Saison kündigte er eine Überarbeitung von „Kaash“ von Akram Khan an, den er gerne öfter in Stuttgart sehen würde, eine Erstaufnahme von Johan Ingers „Out of Breath“, die Wiederaufnahme von John Neumeiers „Kameliendame“ und als Neuproduktion „Mayerling“ von Kenneth MacMillan, für die Jürgen Rose neue Kostüme und ein neues Bühnenbild entwirft. Mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar wird es als Koproduktion anlässlich des hundertjährigen Bauhaus-Jubiläums einen ihm gewidmeten Ballettabend geben, der in beiden Städten zu sehen sein wird.

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