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Eine Mozart-Werkausgabe 3.0 : Zu viele Noten können es gar nicht sein

  • -Aktualisiert am

Inzwischen zwei von fünfundzwanzigtausend Seiten: Ende Mai 2015 bei Sotheby’s in London von der Stiftung Mozarteum ersteigertes Mozart-Autograph Bild: Picture-Alliance

Die Stimmen seiner Werke lassen sich jetzt online einzeln aufrufen, die editorischen Eingriffe ihrer Ausgaben sichtbar machen. Mehr noch: Mit der Digital-Interaktiven Mozart-Edition beginnt die Ära des Neukomponierens.

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          Als Willy Brandt im August 1967 auf der Berliner Funkausstellung im Kreise grau-schwarz gekleideter, würdig dreinblickender älterer Herren vor jenem Knopf steht, der das Zeitalter des Farbfernsehens einläutet, ist seiner Stimme die Unsicherheit abzulauschen. Schnarrend beschwört er die „spannend farbigen Ereignisse“. Brandt drückt den Knopf, alles färbt sich bunt. Die immer noch grau-schwarze Herrenrunde klatscht erleichtert. Das neue Medium war aufgegleist, man sah die Rücklichter. Mit den Folgen der Beschleunigung muss die nächste Generation zurechtkommen.

          Man fühlt sich unweigerlich an jene Berliner Szene erinnert, als mehr als fünfzig Jahre später, am 14. Dezember 2018, im Salzburger Mozart-Wohnhaus eine Gruppe grau-schwarz gekleideter, würdig dreinblickender älterer Herren den (nun symbolischen) Knopf drückt, um ein neues Zeitalter einzuläuten. Als „revolutionär“ beschworen wird dieses Mal kein Massenphänomen. Aber etwas, das vielleicht eines werden kann – da Wolfgang Amadé Mozart zu den beliebtesten Komponisten weltweit gehört. Aufgegleist wird in Salzburg die Digital-Interaktive Mozart-Edition (DIME), ein Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Mozarteum und des kalifornischen Packard Humanities Institute. Letztere Stiftung engagiert sich, vor allem in der Person ihres Gründers David W. Packard, seit 2001 finanziell für Mozart – eine philanthropische Großtat, wie man sie sich auch aus den Umfeldern anderer börsennotierter Unternehmen wünschen möchte.

          In der DIME laufen nun die philologischen Kompetenzen der altehrwürdigen Mozart-Edition mit den Kompetenzen der noch jungen digitalen Musikinformatik zusammen. Daraus entsteht etwas wie eine Mozart-Edition 3.0. Die Neue Mozart-Ausgabe erschien mit mehr als sechshundert Werken von 1956 bis 2007 in mehr als 130 Bänden gedruckt. Ihre 25.000 Notenseiten wurden später online kostenfrei präsentiert, als Digitale Mozart-Edition (DME). Mit dem dritten Schritt kommt jetzt das Interaktive hinzu: Immerhin knapp tausend Seiten des OEuvres von Mozart sind inzwischen maschinenlesbar erschlossen, mit der XML-basierten Computersprache der Music Encoding Initiative (MEI). Sie ermöglicht das Zerlegen des Notentextes in seine kleinsten Bestandteile und damit seine Verwertung als digitalen Text.

          Altes Cembalo im Geburtshaus Mozarts
          Altes Cembalo im Geburtshaus Mozarts : Bild: Picture-Alliance

          Wer die neue DIME-Website unter dme.mozarteum.at/movi/ aufruft und etwas Zeit für die Orientierung investiert, kann heute schon die sechs Joseph Haydn gewidmeten Streichquartette, das berühmte „Ave verum corpus“ oder die noch berühmtere „Eine kleine Nachtmusik“ Note für Note durchstöbern. Digital-Enthusiasten können sich den Notentext in MEI-Sprache anzeigen lassen, manche Stücke lassen sich mit unterlegter Musik anhören und dabei, wie es auch bei Youtube mittlerweile Standard ist, am Bildschirm in den Noten mitlesen. Eine Einzelstimmenansicht für das praktische Musizieren ist ebenso möglich wie das Herunterladen im PDF. Wer die Struktur der Stimmen einmal transparent erleben möchte, kann die Partitur nach Belieben bis hinunter zur Einstimmigkeit reduzieren und sich das Ergebnis mit einem MIDI-Klavier vorspielen lassen. Schön klingt es nicht, aber es reicht für den ersten Eindruck aus. Und freilich sind alle editorischen Eingriffe der Mozart-Experten ebenso auf Wunsch sichtbar wie ältere oder fremde Ausgaben der Werke.

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