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Poetry Slam in Deutschland : Dichter und Lenker

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Lars Ruppel, einer der bekanntesten Poetry Slammer Deutschlands sucht „den kleinsten gemeinsamen Nenner der Poesie“. Bild: Lars Ruppel

Nirgendwo in Europa ist Poetry Slam so erfolgreich wie im deutschsprachigen Raum. Woran liegt das? Blick hinter die Bühnen einer deutschen Leidenschaft.

          „Wer war noch nie bei einem Poetry Slam?“, fragt der Moderator, und irgendjemand meldet sich, und jedes Mal fragt man sich, wo diese Leute immer noch herkommen. Es ist aber auch nicht so wichtig, denn sie haben ja ihren Weg gefunden in diese Kneipe oder Halle, dieses Café, Jugendzentrum, Theater, diesen Studentenclub oder Festsaal, irgendwo in Deutschland. Irgendwo in Deutschland ist nämlich immer Slam, in Städten wie Hamburg oder Berlin allein findet im Schnitt an zwei von drei Tagen einer statt. Und jeder Slam folgt einem Ritual. Stellen Sie es sich so vor:

          „Poetry Slam“, sagt der Moderator, und es könnte jeder Moderator bei jedem Slam in diesem Land sein, „ist ein moderner Dichterwettstreit, bei dem Poeten gegeneinander antreten und das Publikum, entscheidet, wer gewinnt.“ Die Zuschauer stimmen per Applaus oder Jurywertung ab, in letzterem Fall verteilt der Moderator einige Punktetafeln: „Einen Punkt gibt es für Texte, die niemals hätten geschrieben werden dürfen, und zehn Punkte für einen Text, der hier einen kollektiven Orgasmus auslöst.“

          Vor der Bühne umklammern die frisch ernannten Juroren die Punktetafeln, warten auf den ersten Beitrag, den es zu bewerten gilt. „Für das Publikum ist die Beschreibung als Dichterwettstreit total zutreffend“, sagt Sophie Passmann, die im Namen der Poesie unterwegs ist, seit sie fünfzehn war. „Aber wenn man mitmacht und rumreist, hat man natürlich ein anderes Bild.“ Hinter der Bühne sitzen die Poeten, trinken Bier und reden über das, was passiert ist, seit sie sich zum letzten Mal gesehen haben. Man kennt sich. Man mag sich, meistens. Die Slam-Szene ist eine unglaublich vernetzte Gruppe, jedes Wiedersehen ist wie ein kleines Klassentreffen. „Wenn Slammer aufeinander sitzen und sich unterhalten, dann rutscht man manchmal in krassen Szene-Talk ab“, sagt Sophie. „Poetry Slam ist so ein Mini-Kosmos, der sehr speziell ist – aber schön.“

          Jedenfalls ist er eine seltsame und wunderbare Angelegenheit. Und am seltsamsten und wunderbarsten ist vielleicht die Art und Weise, in der die Szene organisiert ist: Es gibt keinen Dachverband, keinen offiziellen Verein. Trotzdem reisen jedes Wochenende Slammer von Stadt zu Stadt; trotzdem gibt es jedes Jahr Stadt- und Landesmeisterschaften, und natürlich die Deutschsprachigen Meisterschaften, schlicht „National“ genannt. Der National ist eine logistische Meisterleistung: Über hundert Slammer kommen für ein verlängertes Wochenende zusammen, entsandt von den durch ein kompliziertes System zur Nominierung berechtigten Slams. Dieses Jahr wird der National in Dresden abgehalten. Christian Meyer, einer der Organisatoren, verbringt schon jetzt jeden Tag fünf Stunden damit, die Dinge für das größte aller Klassentreffen in die Wege zu leiten. Über die Strukturen im Slam sagt er: „Man kennt sich halt so über die Jahre.“

          Für Lars Ruppel, der in seinen inzwischen über zehn Jahren als Poet und Veranstalter die ein oder andere Veränderung miterlebt hat, ist die „Slamily“, wie sich die Szene manchmal selbst bezeichnet, eine Konstante. Es gebe weniger Freaks als früher, und weniger Eskapaden. „Es fanden früher Geschichten statt, die es heute nicht mehr gibt: nackt auf der Bühne stehen, nach dem Slam besoffen in Stadtbrunnen herumhüpfen, Abstürze und Aufstiege.“ Die Gemeinschaft aber, die sei immer noch genauso, und „das Gefühl untereinander, das auf der Idee beruht, die alle teilen: Poesie auf die Bühne zu bringen und damit Leute zu begeistern.“

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