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Poetry Slam in Deutschland : Dichter und Lenker

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Der Ruhm vergangener Zeiten und der Schweiß des Abends

Abseits der Slambühnen sucht Lars Ruppel nach dem, was er als den „kleinsten gemeinsamen Nenner der Poesie“ bezeichnet, in Rahmen seines Projekts Weckworte. „Das Ganze beruht auf der Idee, ein Gedicht so vorzutragen, dass jeder im Raum unabhängig von seinem körperlichen und geistigen Zustand davon profitieren kann.“ Er arbeitet mit Demenz-Patienten, mit Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung, Schizophrenie, Trisomie 21 und Jugendlichen mit auffälligen Verhalten. Immer geht es geht darum, Sprache lebendig zu machen, anderen möglichst nahe zu bringen und eine Reaktion hervorzurufen. Dass andere Slammer oft Belangloses darbieten, das mag Lars Ruppel gar nicht, ihm fehlt die Relevanz der Texte „Es stört mich total, wenn Leute das Privileg auf der Bühne zu stehen nicht nutzen, sondern es bei einer plumpen Oberfläche belassen.“

Zuschauer im Schauspielhaus bei einem Kampf der Künste-Slam in  Hamburg. Jeder Slam schafft sich sein eigenes Publikum und seinen eigenen Mythos.

Einen wesentlichen Einfluss darauf, was auf der Bühne passiert, haben die Veranstalter, meist selbst Slammer. „Es gibt einige Slams in Deutschland“, sagt Lars Ruppel, „die hatten jahrelang immer nur die Mega-Burner zu Gast, bei denen sich alle total kaputt lachen. Die haben jetzt gar keine Chance mehr, Dichter einzuladen, die leisere Töne anzuschlagen, weil ihr Publikum erwartet, dass es vor lauter Schenkelklopfern nicht mehr kann.“ Poetry Slam lebt von der Vielfalt der Texte, davon, dass es eben „nicht nur lustig oder nur ernst ist“, wie Andreas In der Au sagt: „Jeder geht ja mit einer anderen Intention zum Slam, und es ist schön, wenn jeder bekommt, wofür er gekommen ist.“

Jeder Slam ist anders, jeder schafft sich sein eigenes Publikum. Und seinen eigenen Mythos. Wie sehr jeder Slam nicht nur von der Unberechenbarkeit lebt, sondern auch von Ritual, das sieht man in Stuttgart sehr anschaulich. Dort gibt es zwei große monatliche Slams, beide finden an einem Sonntagabend statt, um vierzehn Tage versetzt. Beim einem Slam sitzt das Publikum an Tischen in einem Restaurant und konsumiert Maultaschen. Die Bühne erinnert an die eines Theaters, der Moderator führt durch den Abend wie ein Kurator durch seine Kunstausstellung. Zwei Wochen später sitzt das Publikum in einem abgehalfterten Kellerclub auf Bierbänken, eng an eng, konsumiert Shots, auch der Moderator gönnt sich ab und an einen. Ist die Zeit der Poeten abgelaufen, darf das Publikum „weiter!“ rufen, wenn es den Text zu Ende hören möchte, und je später es wird, desto lauter ruft die Meute „weiter!“, unabhängig von der Güte des Vorgetragenen, während von der Decke der Ruhm vergangener Zeiten tropft, vermischt mit dem Schweiß des Abends.

Man kennt sich: Eine mit Gephi erstellte Visualisierung der Vernetzung von 700 Poetry Slammern untereinander auf Facebook.

Irgendjemand hat gewonnen. Vielleicht war es heute besonders knapp. Wahrscheinlich haben sich die Fans des unterlegenen Dichters über dessen Niederlage mehr geärgert als er selbst. Lars Ruppel bezeichnet seine knappe Niederlage im Stechen der deutschsprachigen Meisterschaften des vergangenen Jahres als sein schönstes Erlebnis im Poetry Slam. „Als ich letztes Jahr Zweiter wurde mit 0,1 Punkten Rückstand“, sagt er, „da dachte ich, was für ein wunderschönes Ergebnis, besser kann nicht ausgedrückt werden, wie absurd und egal ist, wer gewinnt.“

Die Zuschauer gehen nach Hause, die Poeten bleiben noch. Es ist unwahrscheinlich (aber nicht ausgeschlossen), dass sie bis morgens um vier Absinth trinken und im Brunnen auf dem Marktplatz tanzen. Unter dem Kissen des ein oder anderen Slammers liegt vielleicht die Kopie der Fahrtkosten-Quittung, für die Steuererklärung. Am nächsten Tag, so viel ist sicher, werden einige Poeten weiterreisen, denn irgendwo ist immer der nächste Slam, in diesem wundersamen Land der Dichter und Lenker.

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