https://www.faz.net/-gqz-7pj7e

Poetry Slam in Deutschland : Dichter und Lenker

  • -Aktualisiert am

Mitten in die Mitte der Dinge

Andreas nennt seinen Stil „unterhaltsame Performance-Poesie“. Er macht nicht die anspruchsvollsten Texte des Landes. Das weiß er, und das wird er nicht ändern. Aber er ist ein Original. Die Slam-Szene lebt von Typen wie ihm, die sich ganz dem gesprochenen Wort verschrieben haben, die auch mal spontan von Schleswig-Holstein an den Bodensee fahren, wenn dort Not am Mann ist, den ganzen Tag im Zug sitzen, um abends vor dreißig Leuten für fünf Minuten auf der Bühne zu stehen. Und die nebenbei noch dafür sorgen, dass die Kollegen vernünftige Steuererklärungen abgeben. „Jeder hat seinen Platz in der Slamily“, sagt Andreas, „und in dem Moment, in dem alle wussten, was sie an mir haben, da hab ich gemerkt, dass ich angekommen war, dass ich der Slamszene was zurückgeben kann.“

Der Punkt sind nicht die Punkte, der Punkte ist die Poesie: Jurywertung bei einem Kampf der Künste- Slam in Hamburg.

Slam scheint Typen wie Andreas anzuziehen, oder zu machen, man kann es nicht genau sagen, diese Verrückten im besten Sinne des Wortes, die Außergewöhnlichen, die in kein Raster passen. Sophie Passmann war nach dem Abitur ein Jahr ausschließlich mit Slam beschäftigt. Dann ein Studium? „Viel zu wenig Mikrofon“, sagt sie, „und zu viel Hörsaal.“ Jetzt macht sie ein Volontariat bei einem lokalen Radiosender, sehr viel Mikrofon also, und sehr wenig Hörsaal. Die Zeit unter den Slam-Kollegen hat die Entscheidung für das Unkonventionelle einfacher gemacht. „Man trifft dort nicht ständig Leute, die ein Jahr nach Australien gehen und dann auf Lehramt studieren“, sagt Sophie, „sondern eben auch solche wie Lars Ruppel.“

Lars Ruppel ist seit seinem Abitur professioneller Slammer. „Ich habe keinerlei Ausbildung oder Studium gemacht, weil ich mir alles, was ich wissen muss, selber beibringen will. Und bei Slam hatte ich das Gefühl, hier kann ich am meisten wachsen.“ Gelernt hat er dabei jede Menge, über die Notwendigkeit von Disziplin, dass „Absinth trinken bis in den frühen Morgen“ eben nicht geht, und auch über die Ungerechtigkeit der Welt. „Wenn man versucht Fördermittel zu bekommen für eine gute Sache, kann man sich sicher sein, dass da irgendwo eine Oper ist, die den Arsch voll geschoben bekommt und man selbst geht leer aus.“ Lars Ruppel macht viele gute Sachen. Dazu gehören zuallererst seine Texte. Sie haben ein bisschen was von Wilhelm Busch, ein bisschen was von Rilke; sie sind ein bisschen wie Fabeln, manchmal tauchen Tiere darin auf, oft haben sie eine Art Moral, die aber nie als solche daherkommt, sondern ganz unaufdringlich ist, mit einem Augenzwinkern vorgetragen wird und mitten in die Mitte der Dinge trifft.

Der Poet tritt von der Bühne ab. Es herrscht einen Moment Stille. Dann bricht der Applaus über die Location herein wie sintflutartiger Regen nachmittags im Urwald. Völlig gleich, ob es fünfzig Leute in einer engen Kneipe sind, die da Lärm machen oder 500 in einem voll besetzten Theatersaal, der Moderator wird einige Anläufe brauchen, bis er die Jury um eine Wertung bitten kann.

Weitere Themen

„Sie hat sich bemüht“

Merkel nach ihrem Urlaub : „Sie hat sich bemüht“

Angela Merkel ist zurück auf der politischen Bühne, in ihrem Wahlkreis an der Ostsee stellt sie sich Bürgerfragen – auch über die Flüchtlingspolitik und Greta Thunberg. In Berlin stehen unruhige Zeiten bevor. Doch merkt man davon etwas in Stralsund?

Topmeldungen

Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregeltem Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
Mit virtueller Realität direkt ins Herz der Immigranten – Iñárritus Sechseinhalb-Minuten-Installation in Cannes.

Künstliches Herz : Organ aus dem 3-D-Drucker

Forscher konstruieren eine künstliche Herzkammer und Muskelzellen, die synchron schlagen. Noch fehlt Entscheidendes, damit Ersatzorgane aus dem 3-D-Drucker entstehen können.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.