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Aktivisten stürmen Theater : Die Berliner Volksbühne ist besetzt

  • -Aktualisiert am

Die Besetzer nennen es eine „transmediale Theaterinszenierung“: Die Berliner Volksbühne hat ungebetenen Besuch erhalten. Bild: Twitter/vb6112

Demonstranten haben die Berliner Volksbühne gestürmt. Angeblich wollen sie gegen den neuen Theaterchef Chris Dercon und negative Entwicklungen in der Stadt protestieren.

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          Der Konflikt um die Berliner Volksbühne hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Wie verschiedene Zeitungen berichten, hat eine Gruppe von etwa hundert Aktivisten und Künstlern am Freitagnachmittag die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz besetzt. Gleichwohl sprechen die Aktivisten euphemistisch nicht von einer Besetzung, sondern von einer „transmedialen Theaterinszenierung“.

          Auf Twitter wurden Fotos vom Inneren des Hauses und von einem Transparent mit der Losung „Doch Kunst“ verbreitet, das außen am Gebäude angebracht wurde. Unter dem Decknamen „Operation Staub zu Glitzer“ hatte eine Aktivistengruppe angeblich schon seit Monaten die Besetzung des aktuell von Chris Dercon geleiteten Theaterhauses geplant. Ein Organisationsteam aus 48 Personen sei dabei, einen Übergangsspielplan zu entwickeln, „um die sofortige Aufnahme des Betriebs zu gewährleisten und Publikumsströme zu begeistern“, heißt es in einer Erklärung, die vor kurzem über die Facebook-Seite des Berliner Alexander Verlags öffentlich wurde. Darin heißt es weiter: „Wir wollen das Theaterhaus in Besitz nehmen und zum Eigentum aller Menschen erklären. Wir werden es öffnen und dauerhaft zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung stellen.“

          „Breite Welle der Solidarität“?

          Im Zuge der Besetzung sollen sechs bis sieben Bühnen in den Gängen aufgebaut und bespielt werden. Die Organisatoren, zu denen auch ein ehemaliger Assistent des langjährigen Chefdramaturgen der Volksbühne, Carl Hegemann, gehören soll, gehen davon aus, dass ihre Machtübernahme eine „breite Welle der Solidarität“ zur Folge habe. Für den Freitagabend sind eine Pressekonferenz, ein gemeinsames Essen und eine Party angekündigt. Mittlerweile ist die Polizei an der Volksbühne eingetroffen. Die Volksbühnenleitung und die Kulturverwaltung beraten zur Stunde über das Vorgehen. Marietta Piekenbrock, die zum Leitungsteam gehört, zeigte sich verstört über die neue Form des Widerstands. „Diese Gruppe will unbedingt hässliche Bilder produzieren“, sagte Piekenbrock, die gerade auf dem Weg nach Graz zu einer Theaterpremiere ist.   

          Die Aktivisten bewerten die Berufung von Chris Dercon als pars pro toto für generelle Negativentwicklungen in der Stadt: Die „Volksbühne“ sei unter Dercon zu einem „Symbol für die Stadtentwicklung als Ganzes“ geworden, die eine „Zerschlagung jeglichen Gemeinschaftsgefühls“ in Kauf nehme, um möglichst hohe Profite zu erzielen. Die Aktivisten von „Staub zu Glitzer“ fordern unter anderem auch ein „Wohnungslosen- Parlament“ und rufen zu Protestaktionen gegen Gentrifizierung auf.

          So gut gemeint all das ist - einem Intendanten sein Haus zu besetzen, bevor er dort überhaupt die Chance hatte, anzufangen, ist kindisch. Allein aus einem ungefähren Gefühl des Ressentiments heraus, noch ohne Anschauungsmaterial und künstlerische Argumente wird die Aktion wohl mehr Solidarität mit Dercon und seinem Team provozieren als den Initiatoren Recht sein kann. Es bleibt abzuwarten, welche Forderungen sie äußern. Ob es ihnen wirklich nur um Bilder geht oder auch um Inhalte.   

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