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Elias Canetti in Bochum : Das Todesdaten-Projekt

Sie kennen den Ausgang: An den Saaltüren postiert Johan Simons die Schauspieler (von links: Dominik Dos-Reis, Marius Huth und Gina Haller) in Elias Canettis maskentheoretisch informierter Fabel über eine Gesellschaft, in der die Menschen wissen, wann sie sterben. Bild: Birgit Hupfeld

Ist die Todesgewissheit nur die Maskierung des gesellschaftlichen Konformitätsdrucks? Diese Frage stellt Elias Canetti mit seinem philosophischen Gedankenspiel „Die Befristeten“. Johan Simons inszeniert das Stück in Bochum.

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          „Sie fasziniert, und zugleich erzwingt sie einen Abstand“, sagt Elias Canetti in „Masse und Macht“ über die Maske. Der Gesichtsschutz erfüllt seine Funktion als eine nach fester Regel hervorgebrachte, paradoxe Spielart des plastischen Bildes. Die Maske formt die Züge ihres Trägers ab und macht sie gleichzeitig unsichtbar. Ein zweites Gesicht: Es gibt Gesellschaften oder Situationen, in denen dieses Ebenbild eines Mitmenschen ihn ganz und gar vertritt, als mit ihm identisch betrachtet und behandelt wird. In Canettis Begriffen ist die Maske dann zur Figur geworden, und von der Wirkung dieser Instanz dauerhafter Stellvertretung sagt er weiter: „Mit ihr beginnt und mit ihr steht und fällt das Drama.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Theater ist die Sphäre der Verwandlungen: Das Licht geht aus, die Nacht der Überraschungen naht. Aber just die Urform des Kostüms zieht dem Spaß an der Abwechslung seine Grenze. „Die Maske ist eben das, was sich nicht verwandelt, unverwechselbar und dauernd, ein Bleibendes im immer wechselnden Spiel der Verwandlung.“ Das Schauspielhaus Bochum hat am 10. Juni seine Wiedereröffnung mit einer Inszenierung gefeiert, die erst während der von der Pandemie erzwungenen Pause konzipiert wurde. Der Hausherr Johan Simons hat „Die Befristeten“  eingerichtet, das dritte und jüngste der drei Theaterstücke Canettis; für die Proben standen statt der üblichen acht Wochen nur drei zur Verfügung. Die Bediensteten des Theaters und die Zuschauer tragen Masken; die Zuschauer dürfen sie im Unterschied zur Souffleuse auch während der Vorstellung nicht ablegen.

          Für die Schauspieler auf der Bühne gilt die Abstandsregel, jedoch nicht die Maskenpflicht. Aber die Figuren, die sie verkörpern, tragen Masken – im Sinne des Begriffs, den Canetti in „Masse und Macht“ entwickelt. Das Stück spielt in einem zukünftigen Land, dessen Bürger gemeinsam haben, dass sie das Datum ihres Todes kennen. Unsere Eigennamen mit ihren vielfältigen Figurationen zumeist religiöser Überlieferungen sind durch ein einheitliches System der Benennung mit Zahlwörtern ersetzt worden: Zweiunddreißig und Achtundachtzig wissen, welche Frist an Lebensjahren ihnen zugemessen ist, und ihre Mitschüler, Nebenbuhler und Arbeitskollegen wissen das auch.

          Genetischer Code aus zwei Daten

          Den Geburtstag, aus dem sich der Todestag errechnen lässt, behält allerdings jeder für sich; die Mutter weiht ihr Kind in sein Schicksal ein, sobald es verstehen kann, wie ihm geschieht. Den genetischen Code aus den beiden Daten von Geburt und Tod verschließt eine Kapsel, die man lebenslang an einer Kette um den Hals trägt. Diese Kapseln sind Masken im sozialtechnischen Sinne Canettis. Sie bergen eine Identität, die zugleich bestimmt und unzugänglich gedacht ist. Die Kapsel wirkt als Talisman. „Ihre Macht beruht darauf, dass man sie genau kennt, ohne je wissen zu können, was sie enthält.“ Der Verschluss der Kapsel, der nur mit Gewalt geöffnet werden kann, verhindert, dass jemand anderer den terminierten fremden Tod im eigenen Lebensplan einkalkuliert. „Sie kann das Gefährliche in sich sammeln und gesammelt halten.“

          Da jeder Tod zum vorbestimmten Zeitpunkt eintritt, sind Selbstmord und Mord abgeschafft. Aber auch diese vollkommen aufgeklärte Gesellschaft möchte nicht ohne die Bestrafung von Mördern auskommen. Der Mord wurde umdefiniert: Mörder ist, wer einem Menschen die Kapsel raubt. Geradezu schematisch entspricht die Funktion der Kapsel im Stück der Bestimmung der Maske in Canettis anthropologischem Großwerk: „Auf ihr Herunterreißen durch einen anderen ist die Todesstrafe gesetzt.“ In der Form eines philosophischen Gedankenspiels, aber mit dem Willen zu konsequenter Systematik traktiert Canetti in dem 1956 in Oxford uraufgeführten, mehrfach als Hörspiel oder für das Musiktheater adaptierten Stück sein Lebensthema: das Skandalöse des Todes.

          Der kreuzworträtselhafte Schematismus erklärt, dass das Werk in normaleren Zeiten fast nur noch von Schultheatergruppen einstudiert wird. Simons exponiert das didaktische Setting: Die Schauspieler sprechen am Anfang von den Saaltüren aus, die Wechselrede ist hier das Abwägen festgeschraubter Positionen. Drei der im Zuschauerraum abmontierten Sitze erscheinen auf der Bühne, als über den Rebellen namens Fünfzig Gericht gehalten wird, der entdeckt hat, dass die Kapseln leer sind.

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