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Pilgerreise ins Bach-Land : Richtige Musik an richtigen Orten

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Hans-Christoph Rademann (vorn links) dirigiert die Gaechinger Cantorey in der Weimarer Stadtkirche. Bild: Jan Kobel

Seit Hans-Christoph Rademann die Leitung der Bach-Akademie Stuttgart übernahm, hat er die Gaechinger Cantorey klanglich völlig umgekrempelt. Jetzt reiste das Ensemble durch die Lebensorte von Johann Sebastian Bach in Thüringen.

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          Die Geschichte der Bach-Pilgerreisen setzt spätestens 1868 ein, als am (wie man inzwischen weiß, nur vorgeblichen) Eisenacher Geburtshaus des Komponisten eine entsprechende Gedenktafel angeschraubt wurde. In jüngeren Zeiten hat John Eliot Gardiner den Begriff ein Jahrzehnt lang frisch gehalten – so lange dauerte seine „Pilgrimage“ mit den geistlichen Kantaten des Thomaskantors durch fünfzig Städte. Das waren freilich weniger Reisen zu Johann Sebastian Bach als mit ihm, doch zumindest als Startplatz hatte sich der Brite Weihnachten 1999 mit Weimar einen authentischen Bach-Wirkungsort ausgewählt. Dem Zauber des an solchen Stätten – vielleicht – waltenden Genius loci gingen und gehen auch andere mit Johann Sebastian Bach verbundene Interpreten gern nach.

          Mitte September stellte sich nun Hans-Christoph Rademann in diese Reihe – mit seiner umformierten und verschlankten Gaechinger Cantorey derzeit einer der kompetentesten Dirigenten für die Literatur des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Das Programm, mit denen die Musiker auf Einladung der Thüringer Bachwochen durch drei der dortigen Wirkungsorte reisten, war dabei so streng fordernd, dass man ein wenig auch an ein kollektives Bußexerzitium denken konnte – was ja dem Gedanken des Pilgerns nicht gänzlich fremd ist. Nach der h-moll-Messe in Johann Sebastians Taufkirche, St. Georgen in Eisenach, folgten einen Tag später in der seiner ältesten Kinder zu Weimar (eben jener, die seinerzeit auch Gardiner als Station Eins gewählt hatte) drei gewichtige Kantaten, die Bach für den dortigen Hof komponiert hatte; in Arnstadt schließlich, dem Einstiegsort seiner weit wirkenden Lebensbahn, erklang die Johannes-Passion. Das alles an drei Tagen nacheinander ohne Pause; die fabelhafte Konzertmeisterin Mayumi Hirasaki schob zusätzlich, mit Christine Schornsheim am Cembalo, noch ein Kammerkonzert in Bachs Dornheimer Traukirche ein.

          Mayumi Hirasaki (Violine) und Christine Schornsheim (Cembalo) in der Traukirche Dornheim

          Doch von Stress und Strapazen war keine Rede, oder zumindest: Es war, wenigstens im Ensembleklang, nicht das Geringste davon zu hören. Hochstimmung ringsum; ausverkaufte Säle und der heiter-frische, kräftig durchsonnte Thüringer Frühherbst taten vielleicht ebenso das Ihre dazu wie die allemal sehr ordentliche Akustik der protestantischen Predigträume, deren hölzerne Emporeneinbauten und Gewölbe für eine natürlichere Klangverteilung sorgen als manche scharfgeistigen Tüfteleien neuer Konzertsäle. Die richtige Musik an den richtigen Orten: das brachte Ergebnisse, die sich aller Hörroutine entzogen – wie zum Beispiel in Arnstadt.

          „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!“ – Bach eröffnet seine Johannespassion mit einer Anrufung, deren Text Ehrfurcht und unbeirrbare Glaubenssicherheit signalisiert. Doch sie ertönt in Moll über einem in gepresster Rastlosigkeit kreisenden Streichergrund, zu gequälten Dissonanzen der Flöten und Oboen. Dass dabei das Eingangswort „Herr“ sofort noch zweimal wiederholt wird, ist Bachs eigene, nicht durch das Libretto diktierte Erfindung; und wenn man die Passage so hört, wie sie Rademann und die Cantorey spielten – mit einem wild fordernden Aufschrei beim ersten Ruf und dann stufenweise zurückgenommen zu ratloser Verzagtheit – wird eindringlich klar, wie es der Thomaskantor gemeint haben könnte: als autosuggestive, verzweifelt ihr Ziel suchende Selbstvergewisserung. Das Passionsgeschehen wurde hier zu einem Ringen darum, wie der eigene Glaube dem Abschlachten eines unbequemen Querdenkers standhalten kann, aus dem er sich doch heilsgeschichtlich erst begründet: ein inneres und äußeres Drama zugleich. Das Stuttgarter Ensemble nahm die Hörer dabei über zwei dramatische Stunden mit bis in jenen eigenartig doppelten Schluss – erst ein traurig gelassenes Toten-Wiegenlied, dann noch ein Choral von kindlich vertrauender Zuversicht – der trostbringend, aber dennoch zerbrechlich und fern letzter Gewissheiten ist.

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