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Pilgerreise ins Bach-Land : Richtige Musik an richtigen Orten

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Die Kriminalhandlung um Gefangennahme, Verurteilung und Hinrichtung Jesu wurde in bedrängender Dichte, aber auch mit dem rettenden Abstand einer erst allmählich begreifenden Fassungslosigkeit vorgeführt. Rademann ließ in der biblischen Handlung kaum Zäsuren, Evangelist, Chöre und Instrumentalisten prallten atemlos zusammen und fielen sich manchmal geradezu ins Wort. Kein Hauch sakraler Feierlichkeit, sondern ein beklemmendes Voranstürzen, grell aufgepeitscht in den geifernd aggressiven Volkschören, elektrisch geladen im Disput zwischen Peter Harveys unbeirrbar würdevollen, noch im größten Elend streng-majestätischen Christus und dem imperialen Statthalter Pilatus.

Matthias Winckhler gab nicht nur diesem wankenden Machtpolitiker eindringlich scharfe Konturen, sondern verlieh auch den Bass-Arien einen Grundton heroischer Festigkeit, während sich die weicheren Töne der Partitur vor allem in den innigen Chorälen und – nicht ganz so intensiv ausstrahlend – den hohen Solostimmen von Elizabeth Watts und Benno Schachtner verkörperten. Zu einem Kraftzentrum der Aufführung aber wurde vor allem Patrick Grahls tief Anteil nehmende Gestaltung des Evangelisten – nicht in jener unmittelbar mitgehenden und miterschütterten Art, wie das vorzeiten Peter Schreier gestaltete, sondern zurückgenommen ins innere Erleben eines hellwachen, gleichermaßen Grausamkeiten wie Hoffnungszeichen bezeugenden Beobachters.

Ein analoges Glanzstück genauer Phrasierung, ausdrucksvoller Artikulation und Koloraturensicherheit gab, verbunden mit ihrem auratisch leuchtenden Timbre, Dorothee Mields in der Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ (BWV 21) – sei es in der verzweifelt aufgelösten Soloarie oder, denkbar weit kontrastierend, im fliegend-atemlosen, heiß ringenden Liebesduett zwischen der gläubigen Seele und Jesus, das sie gemeinsam mit Tobias Berndt sang. Es mochte vielleicht gerade diese enorme Ausdrucksspanne sein, die Bach selbst an dem Stück schätzte, das er auch nach der Weimarer Zeit immer wieder aufführte. Hier nun sorgte sie, zusammen mit den Kantaten 12 und 182, für eine enorme Vielfalt der Abstufungen, kostbar in vielen funkelnden Instrumentalfarben (ein Beispiel für alle: David Hankes Blockflötenspiel) und einem Chorklang, dessen Reduzierung auf nur mehr sechzehn Stimmen – in Messe und Passion waren es 25 – keineswegs, wie bei manchen Vertretern der reinen Authentizitäts-Lehre, zu ausgedörrtem Purismus, wohl aber zu einer empfindsam-durchsichtigen, dünnhäutigen und besonders im Schmerzlich-Elegischen höchst eindringlichen Klanglichkeit führte.

So geht der Weg des Stuttgarter Ensembles hin zur historisch informierten Gestaltung nun, nach einem halben Jahrzehnt der Zusammenarbeit mit Hans-Christoph Rademann, ebenso behutsam wie konsequent weiter – was man gar nicht mehr so sehr in der inzwischen selbstverständlichen Beweglichkeit und Schlankheit der Klänge, sondern eher da merkt, wo die überlieferte Praxis dem gewohnten Hören und Sehen Stolpersteine in den Weg legt. Sei es amüsiert-kurios wie beim dinosaurierhaften „Bassono grosso“, einem übermannshohen Kontrafagott, das bei der in Arnstadt aufgeführten vierten Fassung der Johannespassion von 1749 gewitterig brummend die Continuo-Gruppe verstärkte; oder irritierend wie angesichts einiger verflachend-ausnüchternder Textänderungen, die damals leider auch eingefügt wurden und deren ungesalzen geschmacksarme Orthodoxie einen plötzlich die sonst gewohnten Verse neu hochschätzen ließ: Die Geschichte und die Geschichten Bachs bleiben weiter unausschöpflich. In ihrem mitteldeutschen Mutterboden aber sind sie nach wie vor ganz besonders verwurzelt – und so war die Pilgerfahrt von Stuttgart her auch eine Heimreise.

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