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Enescu-Festival Bukarest : Die Arche der Kultur Rumäniens

  • -Aktualisiert am

Für seine schlanken Bruckner-Deutungen bekannt: Simon Rattle Bild: EPA

Vladimir Jurowski, Simon Rattle und Patricia Kopatchinskaja sorgen für Höhepunkte beim Enescu-Festival in Bukarest. Es hat für rumänische Musik viel geleistet, doch seine Zukunft ist ungewiss.

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          Drei Glockenschläge, perfekt synchronisiert mit den Crotales und allen vier Klavieren am Ende von Igor Strawinskys „Les Noces“, erklangen wie eine Fortsetzung des Pulsschlags musikalischer Zeit, die in die Stille entschwindet und jenseits von Grenzen des Hör- und Sichtbaren fortdauert. Dies waren nun auch die letzten Klänge unter dem Taktstock von Vladimir Jurowski in Bukarest, wo er als künstlerischer Leiter des George-Enescu-Festivals zum dritten Mal das gesamte Programm verantwortet hat. Zusammen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hat er zwei Konzerte präsentiert, deren Dramaturgien wichtige Zeichen seines hiesigen Wirkens und für die Erinnerung an den vorbildlichen Namensträger des Festivals gesetzt haben.

          Die Tatsache, dass das bedeutendste Kulturereignis Rumäniens in diesem coronageplagten Jahr überhaupt durchgeführt werden konnte, war eine gewaltige Leistung. Jurowski selbst betonte, dass anders als beispielsweise während des Zweiten Weltkriegs, als die Künstler trotz politischer Unterdrückung agieren und Position beziehen konnten, ihnen jetzt seit mehr als eineinhalb Jahren fast jede Ausdrucksmöglichkeit entzogen war. Als Zeichen der Solidarität sah er es als Ziel dieser 25. Jubiläumsausgabe der rumänischen Biennale an, Künstler und Werke aus Europa und Großbritannien als Vertreter des „paneuropäischen Kulturraums“ im Programm zu bündeln.

          Programmatische Rekorde

          Zugleich sollte das Festival sowohl den 140. Geburtstag von George Enescu als auch den 50. Todestag seines Zeitgenossen Igor Strawinsky würdigen. Das Konzept kam natürlich auch der pandemiebedingten Notwendigkeit entgegen, dieses Mal sich auf Einreisende aus dem europäischen Raum zu beschränken, anders als beispielsweise in der vorigen Ausgabe von 2019, die nicht nur inhaltlich die reichhaltigste in der Geschichte dieses Festivals, sondern auch die international umfangreichste gewesen ist.

          Dennoch: Organisatorische und programmatische Rekorde, die oft an Wunder grenzen, verzeichnet auch das gegenwärtige Festival. Mit vier Wochen Gesamtdauer, annähernd viertausend Künstlern, die Musik aus allen Epochen und Genres darbieten, war diese Saison die längste in der Geschichte des Festivals. Zahlreiche Uraufführungen fanden statt, die meisten davon in der Reihe für Musik des 21. Jahrhunderts, gekoppelt mit einem internationalen Komponistenforum unter der Leitung von Dan Dediu. Auftragskompositionen sind entstanden, beispielsweise das Orchesterwerk „Der Nachbar des Chaos“ von Mihnea Brumariu, das im Konzertsaal des Rumänischen Rundfunks zu hören sein wird, oder das von Patricia Kopatchinskaja hinreißend zelebrierte, ihr gewidmete Konzert für Violine, Live-Elektronik und Orchester von Fred Popovici.

          In farbigen Harmonien

          Mit Sicherheit wird Neues zu entdecken sein auch unter den etwa vierzig Werken von George Enescu, die man in diesem Jahr eingeplant hat, darunter zahlreiche selten oder noch nie aufgeführte. Die akribische Arbeit von Spezialisten hat den Weg dorthin eröffnet. So erklang in luftig farbigen, impressionistisch anmutenden Harmonien die sinfonische Dichtung „Isis“, gespielt vom London Symphony Orchestra zusammen mit den zauberhaft klaren Frauenstimmen des Akademischen Chors des Rumänischen Rundfunks unter dem Taktstock von Sir Simon Rattle. Das Werk, 1923 skizziert, wurde erst 1996 von Pascal Bentoiu fertiggestellt. Es reflektiert im vielseitigen Werk von George Enescu eine ganz andere stilistische Richtung als beispielsweise die „Caprice Roumain“ für Violine und Orchester, eine Art Mahnmal für die spezifische Kunst der Lăutari, der hochvirtuosen Fiedler Rumäniens, die von klein auf das Geigenspielen erlernen wie ihre Muttersprache und alle Gefühlsregungen frei und fesselnd in Musik ausdrücken können. Diese Partitur, vom Komponisten Cornel Țăranu auf Anregung des Geigers Sherban Lupu fertiggestellt, wurde von Dmitri Sitkowetski mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko zu Gehör gebracht. Von der verträumt freien, reich verzierten Melodik der langsamen Sätze bis hin zu den feurig ansteckenden Rhythmen der Tänze haben die Interpreten das typische Idiom bewundernswert getroffen.

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