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Tanzgymnasium in Essen : Berühmt, reich und schön

  • -Aktualisiert am

Raum für Projektionen: Die Eleven des Tanzgymnasiums setzen nach ihrer Gemeinschaftsvorstellung Zeichen. Bild: Mykhailo Melnyk

Das einzige Tanzgymnasium Deutschlands lässt seine Schüler strahlen: Bei den vielen starken Persönlichkeiten wirkt am alljährlichen Tanzabend in der Neuen Aula der Folkwang Universität in Essen die Bühne klein.

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          Wie heißt es doch gleich in Ferri Georg Feils hochkomischem Kinderlied „Das Trompetenschwein“, in dem sich das Muttertier an sein Ferkelchen wendet: „Gell, Du wirst mal ein Künstler, Schatz / Berühmt und reich und schön / Am besten lernst Du Geige / Da quiekt das Ferkel „Nein!“ / Wenn ich ein Instrument erlern’ / Muss das Trompete sein!“ Eben, so funktioniert das, man kann keinem Kind den Wunsch nach einem Künstlerberuf einreden, oder jedenfalls nicht bis ins Detail. Und wiederum unter den Künstlerberufswünschen, die Eltern für ihre Kinder hegen mögen, rangiert der Beruf des Tänzers gewiss nicht sehr weit oben. Wie kommt man auch auf ihn? Musik ist überall um uns herum, Geigen im Supermarkt, Trompeten am Flughafen, aber wo sieht man Tanz außerhalb des Theaters? Auf Tiktok vielleicht, was alle gucken, die gern „berühmt und reich und schön“ werden wollen.

          Das Tanzen ist unter den Künstlerberufen nicht nur deshalb der problematischste – aus Elternsicht sowieso –, weil er am schlechtesten bezahlt ist. Vor allem ist die Karriere zwischen dreißig und vierzig Jahren zu Ende. Das gilt zwar für Fußballer auch, aber die werden bereits in der Zweiten Bundesliga besser bezahlt als Tänzer an Stadttheatern. Nach der eben erfolgten Anhebung der Mindestgagen bekommt man mit dem „Normalvertrag Bühne“ statt wie bisher 2000 Euro brutto nun von nächstem Jahr an gerade einmal 2915 Euro brutto. Was aber kann man Eltern empfehlen, deren Kinder trotz allem Tänzer werden wollen? Was, wenn Talent da ist, die Familie aber findet, dass die Schulbildung nicht vor dem bestandenen Abitur enden soll?

          Dreimal ausverkauft

          Dann wäre vielleicht Deutschlands einziges Tanzgymnasium die Schule der Wahl. In Essen-Werden leitet Felicitas Schönau die Institution, deren lichtdurchflutete Ballettsäle im renovierten ehemaligen Bahnhofsgebäude untergebracht sind. 1200 Schüler besuchen die Schule, etwa zehn Prozent von ihnen wählen die vorberufliche Tanzausbildung. In Stufe 5 beginnen die Kinder mit acht Stunden Tanzunterricht zusätzlich zum allgemeinen Unterricht, die sie nachmittags erhalten. Das steigert sich auf achtzehn Stunden Unterricht in der Oberstufe. Dank ministerieller Sondergenehmigung dürfen die Oberschüler Tanz als zweiten Leistungskurs wählen und in diesem Fach auch ihr Abitur ablegen.

          Die wenigsten Kinder, die diesen Ausbildungsgang wählen, werden professionelle Tänzer, obwohl durchaus manche nach dem Abitur die Wahl zwischen fünf fabelhaften Ballettschulen haben, die ihnen Plätze zur Vollendung der Berufsausbildung anbieten. Aber wie beim Sportgymnasium gibt es auch beim Tanzgymnasium unterschiedliche Möglichkeiten nach dem Abitur. Doch auch ohne eine spätere Berufswahl im Feld des Tanzes, etwa als Pädagogen, Choreographen oder Dramaturgen, profitieren die Kinder und Jugendlichen persönlich von der Ausbildung: Ihre Haltung, ihre Musikalität, ihre Gewandtheit, ihr Selbstbewusstsein, ihre Teamfähigkeit, ihr Kunstverständnis, ihre Freiheit im emotionalen Ausdruck, all das und noch viel mehr entwickelt sich phantastisch. Das war jetzt am Tanzabend der Schule aufs Neue zu beobachten, als sich mehr als neunzig Kinder aller Altersstufen zwischen zehn und achtzehn Jahren präsentierten.

          So viele starke Persönlichkeiten ließen die Bühne der Neuen Aula der Folkwang-Universität klein wirken. Für die Inszenierung und den Großteil der zauberhaften, dem Können angemessenen Choreographien zwischen Solo, Pas de deux und Gruppentanz, mal auf Spitze, mal in Schläppchen, zeichnet Martin Chaix verantwortlich. Der ehemalige Tänzer des „Balletts am Rhein“ hat mit seinem sanften, neoklassischen Stil zu außerordentlich anspruchsvoller Musik von Johann Sebastian Bach über Olivier Messiaen und Luciano Berio bis zu Meredith Monk dafür gesorgt, dass alle jungen Tänzer ihr Können voller Sicherheit und Natürlichkeit zeigen können. Dreimal war der Tanzabend ausverkauft, und die Aula war bei Weitem nicht nur mit den begeisterten Familien der Schüler gefüllt, wie die Direktorin Fee Schönau stolz betont. Geige oder Trompete ist hier nicht die Frage, Tanz und Abitur geht beides, in Essen-Werden.

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