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Deutsches Theater Berlin : Mutter Courage und ihre Schinder: Zadek inszeniert Brecht

  • -Aktualisiert am

Eine total verrückte Frau: Die wahre Courage Angela Winkler Bild: dpa/dpaweb

Neben Goethes „Faust“ ist Brechts „Mutter Courage“ das deutscheste Stück: „Faust“ für Oberlehrer, die „Courage“ von einem Oberlehrer. Doch bei Peter Zadek verkehren sich die Verhältnisse, wird die Courage zur Hexe und Zauberkönigin.

          Über des Bertolt Brecht episches Muster-Theaterstück "Mutter Courage und ihre Kinder. Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg", das der Dramatiker 1939 kurz vor Ausbruch eines großen Krieges, "den ich voraussah", im skandinavischen Exil schrieb, können wir seit vielen Jahren nur den Kopf senken. Und zwar mit dem Kinn voran zur Brust. Wir sagen also kopfnickend Ja zu diesem Stück.

          Ja, der Krieg ist schlecht (Alle, die für den Krieg sind, mal aufstehen im Parkett!). Ja, wer wie die Courage im Krieg "seinen Schnitt macht", wer von ihm lebt als "Hyäne der Schlachtfelder", indem er in und mit ihm Handel treibt, der verlängert ihn. Ja, der Krieg ist keine Sache der Ideen oder des Glaubens, sondern der Geschäfte (Kein Blut für Öl!). Ja, man muß gerade die Kleinkapitalistin Anna Fierling, genannt "Mutter Courage", kritisieren, weil sie nur ans Geschäft im Krieg denkt, mit ihrem Planwagen zwischen den Fronten umherkurvt und deshalb ihre drei Kinder verliert, die peu a peu erschossen werden. Ja, wir dürfen uns nicht einfühlen in diese Frau, die nicht sieht, was sie anrichtet. Ja, wir sind die wahren Sehenden und nicken so lange mit dem Kopfe, bis wir über den vielen nützlichen Lehren des Lehrstücks sanft eingeschlafen sind. Wir schrecken eventuell kurz hoch, wenn die löschpapiertrockene wackere Song-Schepper-Musik des Paul Dessau in ihrer realsozialistischen Atonalität losrasselt. Im deutschen Theater ist die "Courage" neben dem "Faust" wohl das deutscheste Stück: der "Faust" für Oberlehrer, die "Courage" von einem Oberlehrer. Mehr Abitur- als Theaterstoff.

          Eine fremde Frau

          Plötzlich nun aber, im Berliner Deutschen Theater, dem Ort, wo von 1949 an die berühmte Helene Weigel jahrelang in Brechts und Erich Engels berühmter Modell-Inszenierung ihre Planwagen-Runden drehte und sich von den Kopfnickern im Parkett bewundernd kritisieren ließ, taucht eine aberwitzig fremde Frau auf. Weder Mutter noch Courage. Eher Hexe, Zigeunerin, Seherin aus einem fernen Land. Die locker eng anliegenden gescheitelten Haare pechschwarz, als seien sie eine dunkle, herrliche Krone. Zauberkönigin Courage.

          Zwar sitzt sie auch auf dem Kutschbock eines Planwagens, der so tut, als komme er aus dem großen Leeren, das Karl Kneidl und Dorothee Uhrmacher gebaut haben, direkt unter der Brecht-Gardine aufs Parkett zugefahren, aber ihren Hut scheint sie direkt aus den Wiener "Weihnachtseinkäufen" in Schnitzlers "Anatol" mitgebracht zu haben. Mit diesem Decadence-Stück peitscht sie ihre beiden Söhne, die hüh! und hott! den Karren ziehen. Mit heller, irrer, schöner Stimme singt sie den Schlachtgesang der Mutter Courage: "Das Frühjahr kommt! Wach auf, du Christ! / Der Schnee schmilzt weg. Die Toten ruhn. / Und was noch nicht gestorben ist / Das macht sich auf die Socken nun." Und es klingt, als schmettere eine Königin der Nacht eine ekstatische Frohsinnskoloratur des Schreckens. Ihre dunkel glühenden Augen, ihr zu einem unglaublichen Schmerzenslächeln nervös weich gemeißelter Mund scheinen wie Löcher in alles Gewesene und Kommende hinein zu albträumen. "Sie hat das Zweite Gesicht", sagt ihr Sohn über sie, die einem Feldwebel listig und trickreich den Tod voraussagt, damit dieser ihre Söhne nicht für den Krieg abwerbe. Im Stück ist das eine Finte. Hier ist es die pure Wahrheit.

          Der Krieg im Gehirn

          Sie sieht mehr als alle Sehenden. Der Krieg liegt ihr nicht im Geldbeutel. Er sitzt ihr im Gehirn und liegt ihr auf der Seele. Wenn sie Kapaunen verkauft, mit Kugeln handelt, wenn sie ihrer stummen schönen Tochter den Nuttenfummel vom Leib reißt, damit sie den Soldaten nicht gefalle, wenn sie unter Tränen und Zärtlichkeit ihren Sohn Eilif wieder umarmt, der gerade Bauern zusammenschlug und ihnen das Vieh stahl und deshalb zu Ruhm und Auszeichnung kam, und ihn zugleich wie verrückt ohrfeigt, weil er sich, der Dummkopf, "den Bauern nicht ergeben hat", dann zeigt sie nicht, wo der Vorteil liegt. Und wo das Geschäft. Dann macht sie keinen Schnitt. Dann schneidet sie sich selbst: Ihr Schnitt geht mitten durch ihre Seele. Sie verlängert nicht den Krieg und begeht dadurch ein Verbrechen. Der Krieg hat schon alles an ihr ver- und zerbrochen. Sie setzt sich in jeder Szene wunderbar mühsam neu zusammen. Sie ist das alte Stück vollkommen neu: in Stücken. Und lächelnd im Weinen.

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