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Deutsches Theater Berlin : Die Gesetze des Dickichts

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Nenn mir einen, der nach oben gekommen ist, ohne ein Gesetz zu brechen: Lisa Hrdina als Agameda macht sich über Kathleen Morgeneyer als Glauke her. Bild: Arno Declair

Wilde wie wir: Tilmann Köhler inszeniert „Medea.Stimmen“ von Christa Wolf am Deutschen Theater Berlin. Dabei verzichtet der Regisseur auf eine Aktualisierung. Er vertraut auf die Stärke der Vorlage.

          Was für einen Spaß könnte die Welt seinen Bewohnern bereiten, sähe sie aus wie jetzt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin. Da nämlich besteht sie vor allem aus einem langen, flachen Wasserbecken, in dem sich herrlich herumplanschen und toben lässt, so dass die Tropfen weit in den Saal hinein fliegen. Der Regisseur Tilmann Köhler und sein Bühnenbildner Karoly Risz wecken im Publikum Erinnerungen an heitere Kindheitszeiten, in denen jede Pfütze eine Verlockung war, durch die sich ohne Rücksicht auf Nässe und Dreck wundervoll trampeln ließ. So eröffnet Tilmann Köhler seine Adaption von Christa Wolfs „Medea.Stimmen“ mit einem Bild trügerischen Friedens, denn von Unschuld und Naivität ist in dem 1996 erschienenen Roman nichts zu finden. Die Autorin entkräftete darin zwar die schwersten Vorwürfe gegenüber Medea – verteidigte sie gegen die Anklage, dass die Königstochter aus Kolchis am Schwarzen Meer ihren Bruder und die zwei Söhne umgebracht sowie ihre Rivalin Glauke in den Tod getrieben habe –, und zeigte diese als Resultat einer allgemeinen Verschwörung der Männer gegenüber allen Frauen, die ihre Macht gefährden könnten.

          Deshalb wurde Medea, die mit Jason aus ihrer Heimat geflohen war, nachdem sie ihm geholfen hatte, das Goldene Vlies zu rauben, zur Brudermörderin, Kindermörderin und Hexe stigmatisiert. Beide finden als Flüchtlinge in Korinth Asyl. Doch anders als Jason, der sich schnell an das neue System anpasst und die dortige Königstochter Glauke zur nächsten Gattin erwählt, will sich Medea als selbstbewusste Fremde behaupten, die sich furchtlos auf ihre eigenen Traditionen beruft und auf Integration wenig Wert legt.

          Boshaft-joviale Zeichnung des skrupellosen Ersten Astronomen des Königs

          Was im Erscheinungsjahr auch als Parabel auf die deutsche Wiedervereinigung gelesen wurde, klingt inzwischen wie ein Stück zur Flüchtlingsproblematik in Westeuropa. Aber Tilmann Köhler hütet sich zum Glück entschieden vor jeder Aktualisierung. Stattdessen vertraut er zusammen mit seinem konzentriert agierenden Ensemble der erzählerischen Brillanz von Christa Wolfs Roman. Die Stimmen, die sich in ihm abwechseln und das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven schildern, hat er behutsam verschränkt, um dramatische Konstellationen zu schaffen.

          Die Darsteller tragen schlichte heutig-moderne Kleidung und sind fast immer alle auf der Bühne zu sehen. Beinahe wie ein Bühnenweihefestspiel mutet die Aufführung zu Beginn an, so reduziert und puristisch ist sie gestaltet, so respektvoll geht sie mit den Worten, Figuren und Konflikten der Stoffvorlage um. Mit fein dosierten musikalischen Live-Akzenten, subtilen Lichteffekten und einer zwingenden inhaltlichen Durchdringung entwickelt sie dann bald eine beeindruckende Sogwirkung. Akribisch wie inständig wird von Macht und Unterdrückung, von Demagogie und Aufbegehren, von Männern, Frauen und einem alten griechischen Mythos gesprochen, der entsetzlich lebendig erscheint.

          Maren Eggert gibt ihrer Medea einerseits den hohen Ton der gereizten Tochter aus bestem Hause, andererseits die Berliner Kodderschnauze wie von draußen vor der Theatertür. Medea kann und will die Zerstörung des Mutter-Rechts, durch die die Frauen als handelnde Subjekte aus der Geschichte verdrängt wurden, nicht vergessen. Für Jason hat diese keineswegs wilde, sondern rebellisch-aufgeweckte Freidenkerin hier nicht mehr als Verachtung übrig. Aber als sie erfährt, dass Glauke, der sie trotz allem in weiblicher Solidarität verbunden bleibt, durch die Opferung ihrer Schwester traumatisiert ist, versucht sie ihr zu helfen – und bespritzt sie dafür so lange mit Wasser, bis sie lachen muss und zurückspritzt.

          Kathleen Morgeneyer lässt ihrer Glauke ein bisschen Luft und Leichtigkeit im hermetischen Schmerzenskorsett, in dem sich diese ansonsten quält. Als Jason ist Edgar Eckert der prollige Depp mit Goldkettchen um den Hals, der die diversen politischen Strukturen gar nicht kapiert, denen er sich eilfertig unterwirft. „Kannst du mir einen Einzelnen nennen, der nach oben gekommen ist, ohne die Gesetze des Dickichts zu befolgen?“, fragt Lisa Hrdina als Agameda, eine frühere Schülerin Medeas, die nun von mörderischem Hass auf diese erfüllt ist. Boshaft-jovial zeichnet Helmut Mooshammer den skrupellosen Ersten Astronomen des Königs, während Thorsten Hierse als Zweiter Astronom geschmeidig zwischen den ideologischen Fronten manövriert, weil ihm nichts bleibt, als „alles zu durchschauen und nichts tun zu können“.

          Die Kinder nehmen bei der Puppenspielerin Johanna Kolberg als Medeas Freundin Lyssa wie schwermütig-stumme Pappkameraden am Geschehen teil. Am Schluss von Tilmann Köhlers beklemmend suggestiver und eindringlicher Inszenierung liegen alle Figuren verkrümmt im Bassin, bloß Medea nicht, für die es auf dieser zu einem „Schlachthaus“ geratenen Welt keinen Platz zu geben scheint. Ob sich daran mit Frauen an der Macht etwas geändert hätte? Wer will das wissen – aber man hätte es zumindest einmal ausprobieren können.

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