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Deutsches Theater Berlin : Da braut sich was zusammen

  • -Aktualisiert am

86 Jahre nach Carl Zuckmayers Berliner Märchenstück über einen Ex-Häftling ohne Papiere sind die Sympathien eindeutig verteilt. Bild: Arno Declair

Milieu versus Moral: Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jan Bosses „Hauptmann von Köpenick“ und eine Uraufführung der Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz.

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          In der Berliner Kantstraße, der rüpeligen kleinen Schwester des Kurfürstendamms, gab es vierzig Jahre lang ein Café: das Kant-Café. Auf abgewetzten Lederbänken, an wackeligen Holztischen konnte man hier für fünf Euro ausführlich frühstücken oder einen Erbseneintopf für 2,80 Euro bekommen. Das Lokal war immer gut besucht, Rentner lasen Zeitungen, Studenten lernten gemeinsam, Sozialempfänger verabredeten sich zu mutmachenden Gesprächen. Anfang des Jahres wurde dem Betreiber gekündigt. Inzwischen hat ein vietnamesischer Gastronom die Räume übernommen und hier sein zehntes Berliner Restaurant eröffnet: „Funky Fish“ heißt es und serviert spanische Fischgerichte mit einem japanischen Twist. Eine bekannte Designerin hat den Raum neu ausgestattet: freigelegte Kassettendecke, darunter ein Labyrinth aus blauen und roten Neonröhren, rechteckige Regalelemente aus eloxiertem Metall. Man sitzt auf ausklappbaren Holzschemeln an Hochtischen und isst Gambas à Portuguesa für 29 Euro.

          Das ist kein Ort mehr für Durchschnittsbürger, sondern eine stylishe Location für die Selfie-Selfmades. Die früher niedrige Schwelle ist hochgelegt worden, hier geht man nicht einfach so hin, hier muss man wer sein, um reinzupassen ins Design. Was der Hartzler wohl fühlt, wenn er heute an seinem alten Stammlokal vorbeigeht? Wen der Rentner, der hier seit vierzig Jahren saß, jetzt wohl wählt?

          In Berlin wird der Platz knapp. Überall werden Alteingesessene rausgeschmissen und Kiezlandschaften künstlich verwandelt. Das in einem ehemaligen Kaufhaus am Kreuzberger Oranienplatz eröffnete neue Luxushotel „Orania Berlin“ ist zum Symbol dessen geworden, was unter dem Stichwort Gentrifizierung nur verharmlosend angedeutet wird. Vor ein paar Wochen haben Linksautonome dem weltoffen-liberalen Hotelier mit Baseballschlägern die Fenster eingeschlagen. Drinnen in teuren Suiten lobt man mit dem Champagnercocktail in der Hand die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, draußen stehen Plattenbewohner aus Marzahn und wollen auch mitreden. Es geht um Wohnraum und vor allem um Lebensatmosphäre. Welches Gefühl soll in der Stadt vorherrschen: coole Weltoffenheit oder niederschwellige Lokalverbundenheit?

          Kein Platz mehr für den Schuster

          In der Neuinszenierung des „Hauptmanns von Köpenick“ am Deutschen Theater, 86 Jahre nachdem Carl Zuckmayers Urberliner Märchenstück über einen Ex-Häftling ohne Papiere, der sich in eine Uniform wirft, um sich am Unrecht der Welt zu rächen, hier uraufgeführt wurde, sind die Sympathien eindeutig. Milan Peschel spielt den von Amt zu Amt gehetzten, von allen gedemütigten Außenseiter vor, zwischen und in fahrbaren Hochkulissen, auf die Stéphane Laimé Fotografien von Emblemen des Berliner Wohlstands gedruckt hat: die Spiegelfassade des Bahntower am Potsdamer Platz, eine Gründerzeitfassade Unter den Linden, Gucci-Werbeplakate. Keinen Platz gibt es in der Heimatstadt mehr für den ehemaligen Schuster Voigt, der gerade aus der Strafanstalt Plötzensee entlassen worden ist und jetzt wie „eine Leiche auf Urlaub“ durch die Straßen geistert. Ein Heimatloser, der seine Eckkneipe nicht mehr findet, dem kein Anhaltspunkt geblieben ist. Alles wird inzwischen videoüberwacht, das Recht steht über allem, auch über dem Menschen. Erst recht, wenn er keine Papiere hat.

          Zwischen die im Altberliner Dialekt gesprochenen Dialoge lässt Regisseur Jan Bosse Monologfragmente von Armin Petras einfließen: Martin Otting schildert auf schlicht-schneidende Weise den Alltag eines Flaschenpfandsammlers, der die verschiedenen Taktiken des „Mülleimerhineinschauens“ erklärt. Und aus der wunderbaren Steffi Kühnert bricht an einer Stelle eine herzbewegende Rentnerinnen-Suada heraus: 35 Jahre wohnt sie schon als Alt-Prenzlbergerin in Berlin, jetzt soll sie raus aus ihrer Wohnung. Dauernd stehe jemand in ihrem Badezimmer und spreche von Sanierung und goldverchromten Mischbatterien. Dabei hat sie hier doch so lange glücklich gelebt – ganz ohne Gold. „Die neuen Menschen gucken durch dich hindurch“, sagt sie traurig, „sie sind ja auch immer so groß.“

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