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Deutsche Szene im Hause Schmidt : Amerika liegt in Hamburg

  • -Aktualisiert am

Im Hause Schmidt wurde nicht fotografiert. Deshalb zeigt unser Bild Philipp Hochmair in Niclas Stemanns Salzburger (und Hamburger) „Faust“-Inszenierung Bild: Declair, Arno

Das ganze Vorhaben schien zunächst unwirklich und fern, doch dann hat es sich tatsächlich ereignet: Als ich einmal im Wohnzimmer von Helmut Schmidt Theater spielen durfte.

          Das Thalia Theater hatte mich gebeten, für Helmut Schmidt ein Stück zu spielen. Ganz privat, in seinem Haus in Langenhorn. „Welches Stück? In was für einem Raum?“, fragte ich. „Eines von deinen Solo-Programmen. In seinem Wohnzimmer. Dreißig Minuten Zeit für die Einrichtung.“ Gut, dachte ich, dann machen wir „Amerika“ von Kafka.

          Das ganze Vorhaben schien unwirklich und fern, doch es hat sich dann wirklich ereignet. Treffpunkt Thalia Theater. Hanns, mein Ton- und Lichtmeister, der Verwaltungsdirektor des Theaters und ich packen eine kleine Auswahl von Utensilien zusammen und fahren los.

          Das Navigationssystem diktiert den Weg Richtung Langenhorn, hinaus aus dem verschneiten kalten Hamburg in die Nacht. Ich bin aufgeregt, als führe ich erstmals nach Amerika, in ein unbekanntes Land.

          Langenhorn ist erreicht

          „Sie nähern sich dem Ziel . . . Das Ziel liegt rechts“, spricht das Navi. Die einfache, unaufgeregte Architektur der Siedlung wirkt irgendwie beruhigend. Ein freundlicher Sicherheitsbeamter öffnet uns die Türe. Wir betreten eine andere Welt, einen anderen Zeitraum. Die Herzkammer dieses Landes. Viel Teppich, viele Bücher, viele Bilder. Kaum Platz für Theater.

          „Sie dürfen hier nichts verändern, kein Stromkabel darf umgesteckt werden.“ Ganz will ich mich nicht daran halten, irgendwo zwischen all den Möbeln und Lampen muss ein kleines Fleckchen Platz für Karl Roßmanns Reise nach Amerika geschaffen werden. Vorsichtig schieben wir den Fernseher hinter den Flügel, verräumen kleine Beistelltische.

          „Hier wurde noch nie Theater gespielt“, sagt die Haushälterin und erklärt uns die unzähligen Lichtschalter. Hanns und ich versuchen, uns aus den vorhandenen Lese- und Stehlampen eine Beleuchtung zu basteln.

          „Herr Schmidt bittet Sie, ins Büro zu kommen.“ Ganz unkompliziert lässt mich der legendäre Staatsmann an seinem Schreibtisch Platz nehmen. „Mögen Sie einen Schluck Portwein?“ Hier gibt es nichts Schnelllebiges, nichts Oberflächliches. Nichts ist hier abgehoben, es wirkt alles sehr vertraut.

          Junge, trink einen Schnaps

          Als die Gäste kommen, werden Hände geschüttelt, und nach einem kurzen Besinnen geht es los. Vor zwanzig Zuschauern beginne ich das unglückliche Schicksal von Karl Roßmann zu erzählen. Der Verstoßene, der Verschollene auf der Suche nach Zugehörigkeit. Beim Spielen sehe ich den Zigarettenqualm der rauchenden Zuschauer. Schmidt verfolgt alles mit großen wachen Augen.

          Das vertäfelte Wohnzimmer wird zur Bühne von Amerika: zum Schiff, zum Haus des Onkels, zum Hotelaufzug und schließlich zum Naturtheater von Oklahoma. Abgekämpft und bis auf die Unterhose ausgezogen öffne ich die Panzerglastüre der Veranda und gehe als Karl Roßmann - mittlerweile ein Spezialist für niedere technische Arbeiten, namens Negro - in den verschneiten Garten hinaus. Jetzt erst begriff Karl die Größe Amerikas! Alle waren fröhlich und aufgeregt!

          Durch die große dicke Fensterscheibe betrachte ich nun die Zuschauer. Sie warten still. Dann löscht Hanns die letzten Lichter, und das Stück ist zu Ende. Langsam taste ich mich aus dem Garten zurück ins Wohnzimmer. Lebendiger Applaus. Helmut Schmidt schaut mich an und sagt: „Junge, trink einen Schnaps mit uns, sonst verkühlst du dich.“

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