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Deutsche Oper Berlin : Ein Rascheln nur im Notenblätterlaub

  • -Aktualisiert am

Licht und Schatten: Danae (Manuela Uhl), Merkur (Thomas Blondelle) und Jupiter (Mark Delavan) in einer Szene der Oper „Die Liebe der Danae” Bild: dpa

Kirsten Harms verabschiedet sich als Intendantin der Deutschen Oper Berlin mit der „Liebe der Danae“ von Richard Strauss - ein mittelmäßiger Aufguß ihres Kieler Erfolgs vor zehn Jahren. Ein mattes Adieu.

          Ein Museum macht pleite. Gemälde und Skulpturen werden erbarmungslos weggeschafft, dem Direktor König Pollux rücken die Gerichtsvollzieher auf den Leib, und ein Konzertflügel hängt schließlich mit halb geöffnetem Deckel wie ein gefesselter großer Vogel kopfüber vom Schnürboden herab: ein Hohnbild, Metapher einer Bankrotterklärung an die Kunst. Und doch ist es dieser gestutzte Vogel, von dem in dieser Endzeitstimmung nach der Verramschung aller Werte noch die einzige Hoffnung ausgeht. Der rettende Goldregen nämlich, von dem die Königstochter Danae in der späten Oper „Die Liebe der Danae“ von Richard Strauss träumt, flattert in der Inszenierung von Kirsten Harms an der Deutschen Oper Berlin als herbstliches Notenblätterlaub vom Bühnenhimmel, wird von der Titelheldin aufgelesen und dient ihr fortan als Kompass auf ihrem Lebensweg.

          Dem Glanz der Welt erlegen

          In dem kalt glitzernden, mit raffinierten Farbmischungen prunkenden Klangzauber, der an dieser Stelle aus dem Graben tönt, erweist sich Strauss wieder einmal als virtuoser Meister eines instrumentalen und harmonischen Raffinements. Dennoch geht es ihm mit seinem Spätwerk, dessen geplatzte Salzburger Uraufführung 1944 mitten im Krieg durch eine Generalprobe für geladene Ehrengäste ersetzt wurde, ein wenig wie dem König Midas seines Librettos, wenn er sich der zunächst ganz und gar geldvernagelten Danae nähert: Was er berührt, erstarrt zu Gold - zu verführerisch gleißenden, aber leblosen und selbstbezüglich in sich verharrenden musikalischen Schönheiten. Zu einem erfüllteren Ton, einer melancholisch abgeklärten Adagio-Stimmung findet erst der dritte Akt als großer, atemvoller Abgesang.

          Versucht, an frühere Erfolge anzuknüpfen: Die Regisseurin und Intendantin Kirsten Harms

          Zwei Themen hat der wenig begnadete Joseph Gregor in seinem Libretto verschränkt: Die Geschichte von Zeus, der sich der von ihm begehrten Danae als Goldregen nähert, und eben jene Geschichte von Midas, dem Dionysos den Wunsch erfüllt hatte, alles zu Gold werden zu lassen, was er berührte. Danae findet die Liebe erst, nachdem sie dem Glanz der Welt erlegen ist. Der Gott (der hier Jupiter genannt wird) sucht die Liebe, aber muss ihr entsagen, da Danae schließlich mit dem zwischenzeitlich verarmten Midas glücklich geworden ist. Zum Trost bekommt Jupiter von ihr am Ende der Berliner Inszenierung den Notenstapel in die Hand gedrückt.

          Das Blatt hat sich gewendet

          Mit ihrer Ausgrabung dieses zwiespältigen und selten gespielten Spätwerks hatte Kirsten Harms vor zehn Jahren in Kiel einen spektakulären Erfolg feiern können, der mit dazu beigetragen hatte, dass man sie vor sieben Jahren als Intendantin an die krisengeschüttelte Deutsche Oper Berlin verpflichtete. Die Aufgabe, die man ihr hier zugedacht hatte, war sicher alles andere als dankbar. In den ersten Jahren schien denn auch die Reihe der Niederlagen und Missgeschicke nicht abzureißen. Das Orchester wurde zurückgestuft, Generalmusikdirektor Christian Thielemann schmiss hin, der von Harms bestellte neue GMD Renato Palumbo leistete sich musikalische Debakel wie einen beispiellos vergeigten „Freischütz“, und auch mit der Verpflichtung eines jungen Regisseurs wie Alexander von Pfeil als Chefregisseur - der damit quasi zum Nachfolger des großen Götz Friedrich erklärt wurde - machte sich Harms wenig Freunde.

          In der Debatte um die Absetzung der von islamistischen Terrordrohungen überschatteten „Idomeneo“-Inszenierung von Hans Neuenfels allerdings beging sie lediglich den Fehler, die Verantwortung nicht umgehend an die öffentlichen Behörden delegiert zu haben. In den letzten Spielzeiten hat sich das Blatt etwas zum Positiven gewendet. 2009 wurde Donald Runnicles als neuer GMD berufen und führt nun bereits im Hintergrund die Geschäfte, bis im Sommer 2012 Dietmar Schwarz als neuer Intendant antreten wird.

          Künstlerische Erstarrung

          Gespannt blickt man jetzt darauf, wie Harms sich mit einer letzten eigenen Inszenierung wohl von ihrem Haus verabschieden werde. Ihr Wunsch, mit der Wahl der „Danae“-Oper an die Kieler Erfolge anzuknüpfen, wirkte verständlich und beinahe rührend. Dass Harms ihrer alten Deutung jetzt aber nur ein etwas neues Mäntelchen übergeworfen hat, während sie die leitenden Metaphern der Kieler Inszenierung bis in die Details hinein übernommen hat, das kann man nur - je nach Blickwinkel - als Chuzpe oder als Ausdruck von Resignation betrachten. Zumal die Qualität der Aufführung leider ein solides Mittelmaß nicht überschritt.

          Im suggestiv symbolischen Bühnenbild von Bernd Damovsky - das drei Akte lang den Flügel von der Decke schweben lässt und den wotangleichen Abgesang Jupiters im letzten Bild in den Trümmern des Museums zelebriert - bleibt die Personenführung so schwach, dass die Produktion nicht hinreicht, ein überzeugendes Plädoyer für das Stück abzugeben. Manuela Uhl singt, wie schon in Kiel, die anspruchsvolle Titelpartie mit leuchtendem, charakteristisch dunkel getöntem und kräftigem Sopran. Demgegenüber wirken der Jupiter von Mark Delavan wie auch Matthias Klink als Midas stimmlich etwas blass. Und das Orchester der Deutschen Oper spielt unter Andrew Litton so glanzlos, unkonturiert, unpräzise und leidenschaftslos, dass von der Meisterschaft des späten Strauss, wie künstlerisch erstarrt sie sich in diesem Werk auch immer ausdrücken mag, kein Goldschimmer mehr abstrahlt.

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