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Deutsch-russisches „Rheingold“ : Goldsucher in der Panzerschmiede

Im Bann höhnischer russischer Wassernixen: Oliver Zwarg als liebestoller Nibelung Alberich. Bild: Georgi Saposchnikow

Mit dem Segen von Bayreuth wird Richard Wagners Oper „Rheingold“ in den russischen Bergbaumetropolen Jekaterinburg und Nischni Tagil herausgebracht. Deutsche Wagner-Spezialisten und russische Musiker erforschen dort auch Umweltprobleme und Industriegeschichte.

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          Die von der Berliner Produktionsfirma RCCR organisierte deutsch-russische Orchesterakademie an der Philharmonie der russischen Industriestadt Jekaterinburg beschert der Region seit längerem schon kulturelle Großereignisse, im vergangenen Jahr sogar das weltweit einzige Beethoven-Festival mit internationaler Spitzenbesetzung. Als Höhepunkt des laufenden Jahres der deutschen Kultur in Russland konzipierte RCCR jetzt eine erste hochklassige, halbszenische Aufführung von Richard Wagners „Rheingold“ an der Swerdlowsker Philharmonie sowie in der russischen Panzerschmiede Nischni Tagil, die das Auswärtige Amt großzügig unterstützte, und zu der Katharina Wagner als Leiterin der Bayreuther Festspiele ein Grußwort beisteuerte. Für das Projekt arbeiteten Wagner-Experten aus Deutschland mit russischen Kollegen vor Ort. Wohlweislich ging man nicht von der Originalorchestergröße von 123 Musikern aus, sondern von der sogenannten Coburger Fassung für einen reduzierten Klangkörper ohne Wagnertuben und Basstrompeten, der freilich auf gut sechzig Instrumentalisten aufgestockt wurde. Und weil die Themen von Wagners Gesamtkunstwerk – unser Verhältnis zur Natur, unsere ewig wachsenden Ansprüche – so aktuell sind, beteiligten die Musiker beider Länder sich auch an ökostrategischen Rahmenveranstaltungen.

          Russland geht im Umweltschutz eigene Wege

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Ural-Region um Jekaterinburg, die vielen Gästen mit ihren alten Betonfunktionsbauten „typisch russisch“ vorkommt, lebt vom Bergbau, der die Landschaft zerklüftet und Gewässer vergiftet. Bei einer Diskussion über Umweltfragen, ausgerichtet von der Jekaterinburger Bergbau-Universität, bekundeten die russischen Instrumentalisten, sie bemühten sich durch den Verzicht auf Plastiktüten und Einweggeschirr um Müllvermeidung, doch ihre Möglichkeiten der Einflussnahme seien gering. Umso mehr seien die großen Rohstoffkonzerne gefordert, statt in Fußball in Umwelttechnologie zu investieren, mahnte der slowenischstämmige Posaunist Tine Bizajl. Russische Bergbau-Studenten berichteten, dass seit diesem Jahr in ihrer Region neu entwickelte Drohnen Daten zur Luft-, Wasser- und Bodenqualität sammelten. Der Universitätsrektor Alexej Duschkin betonte, Russland gehe beim Umweltschutz durchaus eigene Wege und bringe insbesondere seine im internationalen Vergleich dünne Besiedlung in Stellung. Russlands Problem, dass viele jüngere Menschen ans Emigrieren denken, wie die Gäste aus Deutschland auch in Jekaterinburg feststellen konnten, gerät so wenigstens klimapolitisch zum Vorteil.

          Die Nibelungenschmiede von Nischni Tagil: Das historische Eisenwerk des Demidow-Klans
          Die Nibelungenschmiede von Nischni Tagil: Das historische Eisenwerk des Demidow-Klans : Bild: Valeri Belenkow

          Zu den Quellen der Goldgewinnung begaben sich die Sängersolisten bei einem Besuch in der nahe Jekaterinburg gelegenen Stadt Berjosowski, wo 1745 die russische Goldgräberei begann und wo die Helden des Musikdramas sich selbst als Goldwäscher versuchten. Die Instrumentalisten, die das Schmiedegehämmer klanglich zu vergegenwärtigen hatten, wurden durch das historische Eisen- und Kupferwerk von Nischni Tagil geführt, das, 1725 gegründet von dem Unternehmerklan der Demidows, den Nibelungen des Urals, bis in die Perestrojkazeit funktionierte und als Freilichtindustriemuseum eine grandiose Theaterkulisse abgibt. Um die Schätze des Wagnersounds mit seinen seidigen Schichtungen und ahnungsvollen Leitmotiven nuanciert erstrahlen zu lassen, erarbeitete der Dirigent Christoph Stöcker die Produktion, selbst Bayreuth-erfahren wie auch der Geiger Andreas Neufeld, der ihm am Konzertmeisterpult zur Seite stand. Dass das Orchester auf der Bühne zurückgesetzt und hinter einem transparenten Projektionsvorhang agierte, erzeugte, wie schon die über Pedaltönen aufbauende Weltschöpfungsmusik des Vorspiels ohrenfällig machte, obendrein einen Wagnerischen Mischklang.

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