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Des Sultans Leidenschaft : Große Oper in der Wüste von Oman

  • -Aktualisiert am

Prächtiges Opernhaus im märchenhaft schönen Oman: Dieser Tempel westlicher Hochkultur in der Hauptstadt Maskat zieht Besucher in Scharen an. Bild: Picture-Alliance

Der Sultan von Oman hat seinen Untertanen ein Opernhaus geschenkt. Es ist das einzige auf der Arabischen Halbinsel. Dort Puccinis „Manon Lescaut“ zu sehen, ist ein Ereignis, auch wenn leidenschaftliche Bühnen-Küsse streng verboten sind.

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          Oper ist keine demokratische Kunstform. Es lässt sich nun mal nicht ausdiskutieren, wann die Hörner einzusetzen haben. Man kann auch nicht darüber abstimmen, wie lange der Tenor die Sopranistin küsst, wie schnell die Stretta genommen wird, und nicht einmal, ob der Chor von rechts oder links auftritt. In einer Klavierhauptprobe hat die Regie das Sagen, der Dirigent ordnet sich unter. In der Bühnenorchesterprobe dagegen gilt die Diktatur des Dirigenten, dann läuft auch der Chordirigent immer mal wieder durchs Bild und schraubt am Chorklang herum, diesmal sind es die Regieleute, die sich zurückhalten.

          Und dauernd wird der Fluss der Musik unterbrochen, zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Wer das mitkriegt, der wundert sich, wie ein Opernhaus dem Endverbraucher als „Kraftwerk der Gefühle“ erscheinen kann. Auch im Ergebnis, während der Aufführung, läuft alles nach Plan. Wie bei einer militärischen Operation greift ein Rädchen ins andere. Überhaupt erst auf diesem handwerklichen Fundament könnte dann eventuell große Kunst entstehen, können Adrenalinschübe und das Über-sich-hinaus-Wachsen Einzelner es dahin bringen, dass jene außerordentlichen Augenblicke musikalischer Wahrheit aufscheinen, die so selten sind und so kostbar.

          Im Royal Opera House Oman, in der Hauptstadt Maskat, gibt es noch eine dritte Diktatur. Der sie ausübt, heißt Issam El- Mallah. Er stammt aus Ägypten, lehrt ab und zu Musikethnologie in München und setzt auf unfassbar diskrete Weise, quasi in vollendet geheimdienstlichem Pianississimo, durch, dass die zweihundertdreißig geladenen Gäste von der Deutschen Oper Berlin mit ihrer Performance nicht straffällig werden.

          Hat einen Zweiwohnsitz in Garmisch-Partenkirchen: Sultan Quabus ibn Saud, der Stifter und Erbauer des Opernhauses
          Hat einen Zweiwohnsitz in Garmisch-Partenkirchen: Sultan Quabus ibn Saud, der Stifter und Erbauer des Opernhauses : Bild: ddp Images

          „His Majesty“ war da, blieb aber unsichtbar

          Bei uns, hierzulande, würde man Issam El-Mallah einen Zensor nennen. In Maskat ist er einer der vielen Vertrauten von „His Majesty“, Sultan Qabus ibn Said al Said, und in den Augen von dessen singenden und musizierenden Untertanen ist er ein freundlich-väterlicher Berater. Lange vor der Reise, bevor wir losflogen in Deutschland, haben mir gute Freunde aus der Musikwelt von diesem guten Freund in der Hauptstadt von Oman nur Gutes berichtet. Ein kluger Mann sei er, weltläufig, gebildet. Ich habe ihn leider nicht kennengelernt. Er blieb die ganze Zeit über unsichtbar.

          Dass er aber dagewesen war, wird bezeugt, zum Beispiel von den Dekolletés der Rokokoschönheiten, die von einer Probe auf die andere immer kleiner werden. Zentimeter um Zentimeter wachsen die eingelegten Brusttücher. Auch wirken die locker zockenden Studenten in der Kneipe von Amiens, im ersten Akt der Oper „Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini, mit einem Male stocknüchtern. Man muss dazu wissen: Alkoholmissbrauch von Ausländern wird in Oman mit bis zu drei Wochen Gefängnis bestraft, und in diesem Falle könnte die Scharia sogar, auch wenn sich nur gefärbtes Wasser in den Bühnenweinflaschen befindet, von einer Verführung der Omaner zum Alkoholkonsum ausgehen, das wird dann noch teurer.

          Royal Opera House von Oman: Blick ins Foyer
          Royal Opera House von Oman: Blick ins Foyer : Bild: Picture-Alliance

          Die Prostituierten, die im dritten Akt der „Manon Lescaut“ ins Auswanderer-Schiff verladen werden, drosseln ihre obszöne Gestik auf ein Minimum, sie wirken hochgeschlossen. Die allegorische Ballettszene im zweiten Akt, getanzt von zwei männlichen Tänzern, verwandelt sich in etwas Unverständliches, denn auch Homosexualität ist in Oman gesetzlich verboten. Auch der leidenschaftliche Kuss, der die Amour fou besiegelt zwischen dem stürmischen Chevalier des Grieux und seiner entzückenden Manon, bleibt in der Luft hängen. Lippen schweigen, es flüstern Geigen.

          Hier ist alles massiv reich und echt

          In einer Opernaufführung im Royal Opera House von Oman zu sitzen ist grandios. Mitlaufen zu dürfen bei den Proben zu einem Gastspiel ist, als wäre man selbst Teil einer großartigen, luxuriösen, wundervoll verwickelten Operette aus Kaisers Zeiten, die, wie jede Operette, ebenso reich ist an offen verhandelten Klischees wie an diplomatisch verschleierten Halbwahrheiten. Wie in einer Operette gibt es hier das ständige „Je ne sais quoi“. Es gibt Tabus, über die zu sprechen unhöflich wäre oder banausisch.

          Nur dass im Opernbetrieb zu Maskat, anders als in Operetten, die Kulisse nicht aus Pappe ist. Hier ist alles echt. Massiver Marmor im Foyer. Knöcheltief versinken wir in den seidigen Teppichläufern auf der breiten Treppe hoch zum Rang, wo die Sultansloge prangt. Unterwegs, im Umgang, sind in gläsernen Vitrinen abendländische Musikinstrumente ausgestellt, bizarre Raritäten, sie stammen aus der Privatsammlung des Sultans: diverse Cors de chasse aus Frankreich, aus dem 16. Jahrhundert ein reichverziertes Serpent, mit Elfenbeinintarsien geschmückte Zupfinstrumente, eine mittelalterliche Drehleier.

          In den Bühnenkulissen des Royal Opera House von Oman
          In den Bühnenkulissen des Royal Opera House von Oman : Bild: Björn Struck

          Massiv reich und echt sind aber auch die Ausländer im Publikum, die zu einem beträchtlichen Teil eigens für die Vorstellung eingeflogen sind, aus Abu Dhabi oder Dubai oder sonstwo aus den angrenzenden Emiraten. Mit Blattgold verziert die Teakholzbalken im orientalisch anmutenden Zuschauerraum. Und dann die originale Klais-Orgel, die auf der Hinterbühne steht, mit Teakholzprospekt. Sie hat 4542 Pfeifen, entworfen von Philipp Klais, der zurzeit in vierter Generation die Manufaktur Johannes Klais in Bonn anführt - eine der besten Orgelbaueradressen weltweit.

          Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird heimlich Orgel gespielt

          Diese komplette, aus goldverziertem Edelholz gefertigte Hinterbühne samt der goldverzierten Königin der Instrumente kann auf Schienen nach vorn gefahren werden, dergestalt, dass sich das Königliche Opernhaus Maskat in den Königlichen Konzertsaal Maskat verwandelt, und eine der vielen Operettenlegenden, die sich um die Herrschaft des guten Sultans Qabus ranken, geht so: Manchmal komme er persönlich vorbei, um unter Ausschluss der Öffentlichkeit hier heimlich Orgel zu spielen.

          Diese Legende, sagt Christina Scheppelmann, die Intendantin, sei wahr, sie habe das selbst schon erlebt. Scheppelmann ist gebürtig aus Hamburg, sie war jahrelang tätig als rechte Hand von Plácido Domingo, der Sultan Qabus 2011 dabei behilflich gewesen war, sein Traumopernhaus in Maskat zu eröffnen. Und nie würde Scheppelmann von Zensur sprechen. Im Gegenteil: Auch sie gehört jetzt zu den dankbaren Untertanen, die das Lob des Sultans singen. Aus fast jeder Frage, welche die Gäste ihr stellen, hört sie eine westlich-chauvinistische Respekt- oder zumindest Ahnungslosigkeit heraus gegenüber dieser fabelhaft weltoffenen, toleranten omanischen Kultur.

          Chordirektor und Dirigent aus der Deutschen Oper Berlin proben im Opernhaus von Oman für die Aufführung von „Manon Lescaut“
          Chordirektor und Dirigent aus der Deutschen Oper Berlin proben im Opernhaus von Oman für die Aufführung von „Manon Lescaut“ : Bild: Björn Struck

          Statt zu antworten, stellt sie Gegenfragen. Zum Beispiel: Geht es denn etwa in Deutschland in der Oper allezeit demokratisch und tolerant zu? Wie viele Intendantinnen gibt es in Deutschland derzeit? Ist nicht die islamische Frau durch ihren Einfluss innerhalb der Familie sehr viel mächtiger und einflussreicher, als es den Frauen im christlichen Abendland vergönnt ist, bis heute? Nach Auffassung von Scheppelmann hat „His Majesty“ ein Recht darauf, nur solche Aufführungen in seinem Opernhaus zu sehen, die er sehen will. Wer zahlt, der mahlt. Und in diesem Punkt hat sie ganz recht: Das ist in Oman nun wirklich kein bisschen anders als in der westlichen Welt.

          Das einzige Opernhaus auf der Arabischen Halbinsel

          Sultan Qabus ibn Said al Said, der dieses vorwiegend aus Wüste und Küste gefügte Piraten- und Beduinenland innerhalb von nur einer Generation aus der tausendundersten Nacht in die Moderne gebeamt hatte, bezahlte das vor drei Jahren eröffnete Luxusopernhaus aus seiner Privatschatulle. Es ist das einzige Opernhaus auf der gesamten Arabischen Halbinsel. Man sagt, es habe eine Milliarde Dollar gekostet. Andere sagen, es seien fast zwei Milliarden gewesen. Teurer als die Große Sultan-Qabus-Moschee darf dieser Tempel westlicher Hochkultur auf gar keinen Fall gewesen sein, ansonsten würde „His Majesty“ noch mehr Ärger mit dem Imam von Oman kriegen oder mit den arabischen Nachbarstaaten, als er ihn sowieso schon hat.

          Außerdem hat sich Sultan Qabus, der seine Studien- und Militärzeit in England verbrachte und neben Orgel auch noch Laute spielt, ein Symphonieorchester angeschafft, das vorwiegend aus jungen Omanis besteht, er würde, sagte er einmal, sollte man ihn in die Wüste schicken, Beethovens Sechste mitnehmen, außerdem unterhält er eine bizarre Vielfalt phantastisch kostümierter Militärkapellen, die ebenso präzis britische wie bayerische Märsche blasen können und in denen auch Trommlerinnen und Trompeterinnen mitmarschieren, denn islamische Frauen haben hier, am Rand der arabischen Welt, mehr Rechte als in den Nachbarstaaten.

          Als die Sonne sinkt über dem Gebirge, kurz bevor drinnen die Generalprobe beginnt, treten vier oder fünf dieser Militärkapellen auf dem marmornen Vorplatz des Royal Opera House zum Exerzieren an. Eine phantastische Performance, blendend choreographiert! Was die zelebrierte Lebenslust, aber auch was den Lärm anbelangt, ist der Kölner Karneval vergleichsweise ein Waisenkind.

          Der Zweitwohnsitz des Sultans: Garmisch-Partenkirchen

          „Lieben Sie Puccini?“, frage ich den ehemaligen Propagandaminister des Sultans, seinen vertrauten Weggefährten Abdul Aziz Mohammed Al Rowas, der heute als „Berater in kulturellen Angelegenheiten“ tätig ist. Er hat uns eingeladen zu Datteln und Tee. Wolken von reinigendem Weihrauch erfüllen das breite, helle Marmortreppenhaus. Al Rowas lächelt und faltet die Hände über dem silbernen Krummdolch auf dem Bauch. Er antwortet nicht sofort und nicht direkt, so dass ich ausreichend Zeit habe zu begreifen, was für eine dumme Frage das war.

          Proben zu „Manon Lescaut“: Hinter den Kulissen der Oper von Oman
          Proben zu „Manon Lescaut“: Hinter den Kulissen der Oper von Oman : Bild: Björn Struck

          „Musik“, sagt der Exminister, sei, wie Sultan Qabus erkannt habe, „eine wichtige Brücke der Verständigung zwischen den Völkern.“ Und: „Tausend Blumen müssen blühen.“ Auch alle anderen Fragen werden erschöpfend beantwortet mit solcherlei Sinnsprüchen, wie sie, teils dialektisch, teils kämpferisch, einst auch in der Mao-Bibel standen. Am Abend, zur Vorstellung, ist Al Rowas verhindert, auch Sultan Qabus fehlt in der Loge, er ist, heißt es, gerade in Deutschland, die einen sagen, auf seinem Zweitwohnsitz in Garmisch-Partenkirchen, wohin er manchmal auch seine Musikkapellen mitnimmt, die anderen sagen, in der Berliner Charité. Wer weiß.

          Es wird aber auch ohne Seine Hoheit ein traumhafter Opernabend. Die Inszenierung von Gilbert Deflo ist zwar steinalt, das reinste Kostümfest. Aber sie funktioniert. Denn Deflo erzählt die traurige Mär von einem schönen Mädchen, das die wahre Liebe erst im Angesicht des Todes erkennt, das ist absolut zeit- und ortlos, es ließe sich überall erzählen. Spielleiterin Gerlinde Pelkowski, die das Stück wieder flottgemacht und aufgewärmt hat, in nur drei Proben, den Zensor im Rücken, hat ganze Arbeit geleistet.

          Alle Beteiligten, sogar die dunkelhäutigen omanischen Statisten, die anfangs seltsam fremd herumstanden in den Uniformen des Ancien Régime, stehen jetzt unter Strom. Der Chor ist eine Wucht an Glanz und Präzision. Das Orchester blüht und leuchtet. Der Dirigent Roberto Rizzi Brignoli atmet mit den Sängern, er hat Puccini im kleinen Finger. Und als die junge chinesische Sopranistin Hui He sich am Ende verströmt, in der Wüste, auf der Flucht vor den Menschen, wächst auch sie noch einmal über sich hinaus. Puccinis Manon verdurstet. So etwas ist im Oman in den letzten vierzig Jahren vermutlich nicht mehr vorgekommen.

          Manons Bühnenwüste besteht ergreifenderweise nur aus ein paar blutrot bepinselten Steinen aus Pappmaché. Sie ist sehr weit weg von der majestätischen Wüste Ramlat Al Wahiba, in die wir tags zuvor mit dem Jeep ein paar Kilometer hatten hineinschnuppern dürfen. Nach der Vorstellung ist die Straße zum Flughafen von Maskat verstopft, mitten in der Nacht. Mag sein, das ist der Rückstau der Opernreisenden aus der Region. Überlebensgroß von der Wand winkt uns „His Majesty“ in der Abflughalle ein Adieu zu. Wir winken zurück und wünschen ihm, zum Wohle seines Märchenlands, noch ein langes Leben.

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