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Des Sultans Leidenschaft : Große Oper in der Wüste von Oman

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Außerdem hat sich Sultan Qabus, der seine Studien- und Militärzeit in England verbrachte und neben Orgel auch noch Laute spielt, ein Symphonieorchester angeschafft, das vorwiegend aus jungen Omanis besteht, er würde, sagte er einmal, sollte man ihn in die Wüste schicken, Beethovens Sechste mitnehmen, außerdem unterhält er eine bizarre Vielfalt phantastisch kostümierter Militärkapellen, die ebenso präzis britische wie bayerische Märsche blasen können und in denen auch Trommlerinnen und Trompeterinnen mitmarschieren, denn islamische Frauen haben hier, am Rand der arabischen Welt, mehr Rechte als in den Nachbarstaaten.

Als die Sonne sinkt über dem Gebirge, kurz bevor drinnen die Generalprobe beginnt, treten vier oder fünf dieser Militärkapellen auf dem marmornen Vorplatz des Royal Opera House zum Exerzieren an. Eine phantastische Performance, blendend choreographiert! Was die zelebrierte Lebenslust, aber auch was den Lärm anbelangt, ist der Kölner Karneval vergleichsweise ein Waisenkind.

Der Zweitwohnsitz des Sultans: Garmisch-Partenkirchen

„Lieben Sie Puccini?“, frage ich den ehemaligen Propagandaminister des Sultans, seinen vertrauten Weggefährten Abdul Aziz Mohammed Al Rowas, der heute als „Berater in kulturellen Angelegenheiten“ tätig ist. Er hat uns eingeladen zu Datteln und Tee. Wolken von reinigendem Weihrauch erfüllen das breite, helle Marmortreppenhaus. Al Rowas lächelt und faltet die Hände über dem silbernen Krummdolch auf dem Bauch. Er antwortet nicht sofort und nicht direkt, so dass ich ausreichend Zeit habe zu begreifen, was für eine dumme Frage das war.

Proben zu „Manon Lescaut“: Hinter den Kulissen der Oper von Oman

„Musik“, sagt der Exminister, sei, wie Sultan Qabus erkannt habe, „eine wichtige Brücke der Verständigung zwischen den Völkern.“ Und: „Tausend Blumen müssen blühen.“ Auch alle anderen Fragen werden erschöpfend beantwortet mit solcherlei Sinnsprüchen, wie sie, teils dialektisch, teils kämpferisch, einst auch in der Mao-Bibel standen. Am Abend, zur Vorstellung, ist Al Rowas verhindert, auch Sultan Qabus fehlt in der Loge, er ist, heißt es, gerade in Deutschland, die einen sagen, auf seinem Zweitwohnsitz in Garmisch-Partenkirchen, wohin er manchmal auch seine Musikkapellen mitnimmt, die anderen sagen, in der Berliner Charité. Wer weiß.

Es wird aber auch ohne Seine Hoheit ein traumhafter Opernabend. Die Inszenierung von Gilbert Deflo ist zwar steinalt, das reinste Kostümfest. Aber sie funktioniert. Denn Deflo erzählt die traurige Mär von einem schönen Mädchen, das die wahre Liebe erst im Angesicht des Todes erkennt, das ist absolut zeit- und ortlos, es ließe sich überall erzählen. Spielleiterin Gerlinde Pelkowski, die das Stück wieder flottgemacht und aufgewärmt hat, in nur drei Proben, den Zensor im Rücken, hat ganze Arbeit geleistet.

Alle Beteiligten, sogar die dunkelhäutigen omanischen Statisten, die anfangs seltsam fremd herumstanden in den Uniformen des Ancien Régime, stehen jetzt unter Strom. Der Chor ist eine Wucht an Glanz und Präzision. Das Orchester blüht und leuchtet. Der Dirigent Roberto Rizzi Brignoli atmet mit den Sängern, er hat Puccini im kleinen Finger. Und als die junge chinesische Sopranistin Hui He sich am Ende verströmt, in der Wüste, auf der Flucht vor den Menschen, wächst auch sie noch einmal über sich hinaus. Puccinis Manon verdurstet. So etwas ist im Oman in den letzten vierzig Jahren vermutlich nicht mehr vorgekommen.

Manons Bühnenwüste besteht ergreifenderweise nur aus ein paar blutrot bepinselten Steinen aus Pappmaché. Sie ist sehr weit weg von der majestätischen Wüste Ramlat Al Wahiba, in die wir tags zuvor mit dem Jeep ein paar Kilometer hatten hineinschnuppern dürfen. Nach der Vorstellung ist die Straße zum Flughafen von Maskat verstopft, mitten in der Nacht. Mag sein, das ist der Rückstau der Opernreisenden aus der Region. Überlebensgroß von der Wand winkt uns „His Majesty“ in der Abflughalle ein Adieu zu. Wir winken zurück und wünschen ihm, zum Wohle seines Märchenlands, noch ein langes Leben.

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