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„Der zerbrochne Krug“ in Bonn : Kleists Schlaf, Traum, Schrei

Wie in einer Fieberwelt: Dorfrichter Adam (Ralf Drexler) sieht grün - und später schwarz Bild: Thilo Beu

Mit Heinrich von Kleists „Der Zerbrochne Krug“ beschließt Klaus Weise seine Bonner Intendanz. Wie der Amtszeit seines Richters Adams fehlt auch seiner Ära das Happy End.

          Der Oberbürgermeister war nicht erschienen zur Premiere der Inszenierung, mit der sich Klaus Weise in den Kammerspielen Bad Godesberg nach zehn Jahren als Intendant des Theaters Bonn verabschiedet hat. Jochen Nimptsch hatte etwas Besseres vor. Wichtigeres. Im Stadtteil Beuel feierte der Ortsverein der SPD sein hundertjähriges Bestehen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Statt Heinrich von Kleist war dort, immerhin die gleichen Initialen, Hannelore Kraft zu erleben, die sich, schließlich wird im September gewählt, den Auftritt nicht entgehen ließ. Der Festakt fand mit roten Luftballons und schwarzen Zylindern - Schauspieler! - in der Schauspielhalle statt. Theater machen wir selber, ja, womöglich eine Art feindliche Übernahme. Denn dass dieser Spielort Weises Nachfolger, der mit einem noch geringeren Etat auskommen muss, weiterhin zur Verfügung steht, ist keineswegs sicher. Manchmal erklärt sich sozialdemokratische Kulturpolitik wie von selbst.

          Das Stadtoberhaupt hat etwas verpasst. Denn er hätte Weise und auch Kleist von einer neuen Seite kennenlernen können. Bisher hatte sich der Intendant mit Klassikern eher schwer getan, mit Henrik Ibsen, dessen Söhnen und (zumal angelsächsischen) Enkeln hatte er leichteres und treffenderes Spiel. Zum „Zerbrochnen Krug“ aber findet er einen originellen Zugang: Im diffusen türkisfarbenen Licht steht Eve, von Anastasia Gubareva puppenhaft modelliert und in einen schwarzen Reifrock geschnürt, auf der Bühne und rekapituliert, wie der derbe Dorfrichter, der undeutlich vor ihr auf dem Boden liegt, sie bedrängt, gequält und, für ein erlogenes Krankheitszeugnis, das ihren Ruprecht von allem Kriegsdienst in fernen Kolonien befreien sollte, versucht hat, sie sich gefügig zu machen und ihr Liebesdienste abzupressen.

          Die Angst durchbebt sie noch, Schrecken ihrer Träume. Der Ausgang als Eingang in das „Lustspiel“, das für Eve, die dabei fast ihr Glück verloren hätte, keines gewesen ist. Auch nachdem der Täter gestellt und die Akte geschlossen ist nicht. Von den sechs Figuren, die ihr wie in Trance zur Seite und langsam nach vorne treten, sind vor allem die sich weiß auftürmenden Perücken zu sehen: Schwankende Schimären und anonyme Insignien ihres Martyriums, gespenstisch multipliziert. Kleists Schlaf, Traum, Schrei.

          Bemuttert in Unterhose

          Gerade mal zehn Minuten beansprucht dieses Vorspiel. Danach ist auch schon Pause, und die dauert mindestens doppelt so lang. Der Nebel muss sich erst völlig verzogen haben, bevor der Rechtsfall ausgerollt und aufgeklärt werden kann. Wie aus einem offenen Buch, dessen überdimensionierte, aufeinandergepresste Seiten einen zeichenhaften Giebel bilden, ist die 1808 in Weimar uraufgeführte Komödie in den Einheitsraum von Martin Kukulies gefallen, die Gerichtsstube in Huisum, dem Dorf in der Nähe von Utrecht, ist mit unterschiedlich hohen Aktenbündeln und einer groben Holzkiste möbliert. Dorfrichter Adam fühlt sich hier ganz zu Hause: Splitternackt, nur mit einer fleischfarbenen Unterhose bekleidet, liegt er, dargestellt von Ralf Drexler, auf einer Decke und lässt sich, den Kopf in ihren Schoß gelegt, von der Magd Margarete, die hier zu seiner Magdalena wird, bemuttern und umsorgen: Niedergestreckt von breiten, blutigen Wunden am kahlen Kopf und am Schienbein über dem Klumpfuß.

          Der Ordnungshüter aus der Unterbühne

          Der kräftig korpulente Kerl ist ganz schön angeknackst. Aber da macht ihm der Schreiber Licht, Birger Fese gibt ihn als vorlauten blonden Pagen, der schon den ersten Ausreden amüsierte Skepsis entgegenbringt, auch schon Beine: „Der Herr Gerichtsrat Walter kömmt, aus Utrecht. Er ist in Revisionsbereisung auf den Ämtern. Und heut noch trifft er bei uns ein.“

          Und schon schraubt sich der unwillkommene Ordnungshüter aus der Unterbühne herauf und wirft sich, mit einem schwarzen Cape über dem korrekten Anzug, prophetisch düster in Schale: Bernd Braun spielt den Walter als in Amt und Würden verdrossen gewordenen Juristen, der, von den lavierenden, von ihm schnell durchschauten Lügengeschichten des Dorfrichters animiert, seine Souveränität schmunzelnd zurückgewinnt.

          Über die Grenzen der Rechtsfindung

          Dass die Streitparteien, die Witwe Marthe Roll mit Tochter Eve und Bauer Veit Tümpel mit Sohn Ruprecht, sich mühsam über die Seitenkante der Bühne heraufhangeln müssen, schafft szenische Umständlichkeiten, und dass die zur großen Klagearie über ihren zerbrochenen Krug auflaufende Marthe der Susanne Bredehöft im höfischen Prachtkostüm erscheint, bleibt unverständlich.

          In ihrem Zentrum aber wird Klaus Weises Inszenierung zu einer spannenden Auseinandersetzung über die Grenzen einer Rechtsfindung, die dem Opfer letztendlich nicht gerecht werden und es nicht angemessen entschädigen kann. Der handfeste Macho und sich als unbedarfter Tolpatsch gerierende Adam, den Ralf Drexler zeigt, scheint davon, kleine Brüche deuten es an, selbst etwas zu ahnen. Am Schluss liegt er, weit gekommen ist er nicht auf seiner Flucht, bäuchlings hingestreckt im Schnee. Roter. Kein Happy End, nirgends.

          Etatkürzungen bremsen die Ambitionen

          Auch die Bonner Intendanz von Klaus Weise kommt dort nicht an. Zu einer Ära, wie sie Karin Beier in ihren sechs Kölner Jahren hinlegte, hat sich die Dekade nicht verdichtet, große künstlerische Entwicklungslinien wurden im Schauspiel nicht gezogen. Die elf Jahre, in denen Weise zuvor das Theater Oberhausen zu einem großen Aufbruch führte, waren die aufregende und ergiebigere Zeit. Schon die vielen Einschnitte in den Etat, die der Intendant so erfolgreich meisterte, dass ihm nur weitere auferlegt wurden, bremsten die Ambitionen.

          So könnte es sich in Bonn eines, wie es derzeit scheint, nicht sehr fernen Tages als das größte Verdienst von Klaus Weise in Bonn herausstellen, dass er das Theater in der Stadt behauptet und gegen die Schikane durch Politik und Verwaltung verteidigt hat.

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