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Wagnerianer Jonathan Meese : Er beliebt zu ’erzen

Machen Sie eine typische Handbewegung: Jonathan Meese in seiner Kunstzelle in Wittenberg Bild: ZB

In Bayreuth ist Jonathan Meese wegen seines Hitlergrußes  krachend gescheitert. Nächste Woche versucht es der verhinderte Wagner-Regisseur mit einer Performance mit Zungenbrecher-Titel.

          Der Kasperletheaterspieler Richard Wagner – er konnte stundenlang vor seinen Kindern auf dem Bauch liegen und mit ihnen beim Fabulieren Spaß haben – gratulierte sich selbst zum 42. Geburtstag anno 1855 mit einem Vers, den man sich, allen Reimkorrespondenzen und metrischen Beschränkungen zum Trotz, als Vorlage zu einer unendlichen Melodie vorstellen muss. Denn er spielt das Unendliche der Möglichkeit gegen das Endliche der Wirklichkeit als ironische Revision der eigenen Existenz durch: „Im wunderschönen Monat Mai / kroch Richard Wagner aus dem Ei; / ihm wünschen alle, die ihn lieben / er wäre lieber drin geblieben“. Nicht sein zu müssen als Zukunftswunsch überträgt das Projekt vom „Kunstwerk der Zukunft“ mit dem „unsichtbaren Orchester“ und dem am liebsten auch noch „unsichtbaren Theater“ auf die eigene biologische Daseinsform.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Montag übrigens war es wieder soweit. Wagners Geburtstag jährte sich zum 204. Mal, und Jonathan Meese verfasste einen handschriftlichen Gedenktagsartikel auf 23 Seiten, der nicht ganz punktgenau, sondern leicht verspätet bei der Redaktion des Wiener „Standard“ eintraf und von ihr ins Netz gestellt wurde. Jonathan Meese, wir erinnern uns dunkel, sollte im Jahr 2016 den „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen inszenieren, wurde von der Festspielleitung aber schon 2014 wieder von diesem Auftrag entbunden, vorgeblich finanzieller Fragen wegen, in Wirklichkeit wahrscheinlich eher wegen eines ideologisch-gestischen Tourettesyndroms, das sich im wiederholten Zeigen des Hitlergrußes äußerte. Solche Sympathien – sie waren in der Vergangenheit stark genug und wären „besser drin geblieben“ – will man sich für die Zukunft in Bayreuth nicht nachsagen lassen (wenn das überhaupt geht, dass man sich für die Zukunft etwas nachsagen lässt).

          Das kitzelt und prickelt

          „Richard Wagner kennt nur Kunst, und Kunst kennt nur Richard Wagner“, moniert der Monist Meese an der ihm und uns politisch verordneten Welt mit ihren zahlreichen „Orten der Vielfalt“. Das steht so auf Seite eins seines Manifestes. Und später liest man, damit Missverständnisse ausgeschlossen werden können: „Kunst ist kein demokratisches Anbiederungsprogramm“. Das kitzelt und prickelt doch endlich mal. Meese hatte ja schon für „Kokain“ von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne, diesem szenischen Swingerclub für riskante intellektuelle Praktiken, das Bühnenbild entworfen.

          In Wien bereitet sich der „Künstler“ nun auf seinen nächsten Streich vor. „Mondparsifal Alpha 1–8 (Erzmutterz der Abwehrz)“ heißt das Happening mit Musik von Bernhard Lang, das am 4. Juni aus dem Ei kriechen soll. Ende der Woche will der Filmemacher Alexander Kluge mit Meese und Lang im Wiener Stadtkino dazu plaudern und eine Einführung geben. Meeses 23 Seiten führen bereits ein in diese Einführung zu dem, was da hinauskriechen will. Wie schon der Titel andeutet, geht es um Intensitätsverheißungen: Alles ist Erz. Auf dem Weg ins Erzland oder gar ins Erzreich zur Erzlösung mit größter Erzwirkungsmacht wird ganz erzradikal, erzpariert, erzpralinéeiersiert, erzrichardwagnert.

          Man kann sich jetzt schon das enharmonische Rauschen der Morpheme und Sememe in der Unterhaltung mit Kluge vorstellen, diese unendliche Melodie im Brandungssound des Surfens durchs Meer des Phonetischen. Wie viel Erz schlummert da noch verborgen in den unverflüssigten Worten?! Auf Seite drei lesen wir etwas von „Überzeit“ und „Überzukunft“. Auf die gut verborgenen Erzstücke der Worte stößt man freilich nur, wenn man sich beim Lesen das Auge bereits durchs Ohr hat konditionieren lassen, also Sprache in ihrer Schriftform wesentlich phonozentrisch wahrnimmt. Das ist wahrlich erzwagnerianisch gedacht.

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          Erzwagnerianisch ist freilich auch Meeses Kasperlespielertrick eines Ausbruchs in die Unbelangbarkeit, erprobt auf Seite achtzehn: „Meese ist, zum Glück, immer in Allem nur Spielkind ,Möchtegern‘ klar, Meese ist in allem nur Imitator, also Kunstliebensdster. Meese liebt das ultimativste Maskenspiel! Meese kennt nur: So tun als ob.“

          Klar, Meese ist genauso wenig festzunageln wie Schaum an der Decke. Und deshalb will er sicher auch nicht dazu befragt werden, wie es denn kommt, dass er, der laut seinem Manifest bei Politik „doch nur heulen, weinen und Widerstand leisten“ kann, sich von ebendieser Politik bei den Wiener Festwochen – „subventioniert aus Mitteln der Kulturabteilung der Stadt Wien“, steht im Programmbuch – ganz widerstandslos bezahlen lässt.

          „Kunst ist Rache an jeder Pupsideologie“, gibt Meese auf der letzten Seite seines Manifestes von sich und macht dabei selbst ziemlich viel Wind. Da hat sich offenbar seit Bayreuth und der Zurückweisung einiges aufgestaut. Wenn uns das alles nichts kosten würde, könnte man auch diesen Wind einfach fahrenlassen mit dem kleinen erz(!)ieherischen Hinweis an das „Spielkind“, dass es für manches, was rausmuss, auch nichtöffentliche Orte gibt, außerhalb deren es sonst besser drin bliebe.

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