https://www.faz.net/-gqz-8fd4j

Komische Oper Berlin : Was sagen uns heute die Häute der Bräute?

Emmy (Maria Fiselier) und der Vampir (Heiko Trinsinger) an der Komischen Oper Berlin. Bild: Imago

Schauerromantik auf der Bühne: Wenn Blutsauger ihr Unwesen treiben, ist das Gekreische groß. „Vampir – Musiktheater nach Heinrich Marschner“ macht die Komische Oper in Berlin zum Rummelplatz.

          2 Min.

          Die letzte Weisheit des Obstgenusses gilt auch für den Vampirismus: „Das Beste sitzt unter der Haut“. Und weil Lord Ruthven nur das Beste will, greift er in der Komischen Oper Berlin gleich nach einer Frau im Publikum, zerrt sie auf die Bühne und reißt ihr das Gesicht vom Kopf, mit Haut und Haar. Ihr Schrei ist so laut, dass man das Orchester nicht mehr hört. Aber auf die Musik kommt es hier nicht an. „Der Vampyr“ steht auf dem Spielplan, untertitelt als „Musiktheater nach Heinrich Marschner“. Daran stimmt vor allem das „nach“. „Musik“ ist etwas übertrieben, beim Theater bleibt von Marschner nicht viel übrig.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Mehr als drei Stunden lang ist diese große romantische Oper Marschners, uraufgeführt in Leipzig 1828. Sie gilt als bedeutende deutsche Schaueroper und als ein wichtiges Scharnier zwischen dem „Freischütz“ von Carl Maria von Weber und dem „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner – zumindest unter Historikern. Denn auf der Bühne trifft man diesen „Vampyr“ kaum noch an. Spricht noch etwas für das Stück über den Blutsauger und seinen unwilligen Vollstrecker Aubry? Der Regisseur Antú Romero Nunes scheint nichts gefunden, der Dirigent Antony Hermus ihm darin nicht widersprochen zu haben. Auf achtzig Minuten heruntergekürzt, wurden diese Marschner-Reste mit Neukompositionen von Johannes Hofmann verleimt, die ihrerseits klingen wie der Soundtrack zu einer öffentlich-rechtlichen Fernsehversion von „Rumpelstilzchen“.

          Nur kreischen, nicht singen

          Die Architektur der Akte ist zerstört durch Umstellung ganzer Nummern, die Ouvertüre amputiert, das erste Opfer um seine Gesangspartie gebracht (die Frau darf nur kreischen, bevor sie gehäutet wird). Zoltán Nyári in der Rolle von Edgar Aubry quetscht seinen Tenor aus wie eine trockene Zitrone. Jens Larsen als bewährter Volksschwankbass knattert durch die Partie des Lord von Davenaut und gibt Aubry per Fußtritt in den Hintern etwas Nachhilfe bei der vorehelichen Begattung seiner Tochter. Damit ist das Niveau der Inszenierung hinreichend beschrieben.

          Andeutungsweise zeigen Nicole Chevalier als Malwina und Maria Fiselier als Emmy, dass sie eigentlich sehr schön singen könnten, müssten sie nicht ständig kreischen oder zum Zeichen ihrer Unbotmäßigkeit mit Lippen und Zunge Pupsgeräusche machen.

          Der Vampir der Gegenwart

          Wenn ein Vampir um 1830, zur Zeit biedermeierlichen Tugendterrors, als Chiffre ungezähmter Sexualität gelten mochte – was ist er dann heute? Heiko Trinsinger (als Ruthven) ballert in Berlin mit einer Maschinenpistole in den nur mit Sektflöten bewehrten Chor. Ist also der Terrorist das vampirische Faszinosum unserer Gegenwart? Doch das Massaker findet ja schon unter Untoten statt, diese Spaßgesellschaft besteht aus lauter Vampiren, und ihr Champagnerkonsum kann nicht als Widerstand gegen den Spaßverderber begriffen werden, es sei denn, Terror und Spaß wären ein und dasselbe.

          Aber das ist alles schon zu viel gefragt. Es soll gelacht und gestaunt werden in der Komischen Oper, wie auf dem Rummelplatz. Und wenn wir schon nicht durch die Gespensterbahn fahren können (wir müssen ja sitzen bleiben), kommen die Gespenster zu uns: Bühnenbildner Matthias Koch lässt eine Drohne zwischen den Publikumsrängen herumfliegen, in Gestalt einer schwarzen Spinne. Voll fett!

          Weitere Themen

          Im Park am Rande der Ostsee

          Baltikum-Bildband : Im Park am Rande der Ostsee

          Ein Dreivierteljahrtausend lang hat es deutsches Leben im Baltikum gegeben. Zahlreiche Herrenhäuser zeugen noch heute davon. Agnese Bergholde-Wolf gibt eine kleine, bildreiche Einführung in deren Welt.

          Die Kulturpolitik ist tot?

          Corona-Krise in Frankreich : Die Kulturpolitik ist tot?

          Der ökonomischen Potenz seiner Kultur ist sich Frankreich wohl bewusst. Doch tut die Politik genug für seine Künstler in der Corona-Krise? Darüber wird derzeit gestritten im Land.

          Topmeldungen

          Unter Korruptionsverdacht : Früherer König Juan Carlos verlässt Spanien

          In einem Brief teilt der ehemalige spanische Monarch seinem Sohn mit, dass er das Land verlassen will. Juan Carlos ist in einen Finanzskandal verstrickt. Mit dem Schritt erspart er Felipe VI. eine schwere Entscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.