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Ur-„Tartuffe“ in Paris : Blutsauger gegen Sanguiniker

  • -Aktualisiert am

Interpretatorischer Übergriff: Elmire (Marina Hands) macht sich an Tartuffe (Christophe Montenez) heran Bild: Jan Versweyveld/Comédie França

Wenn die große Sensation zur furchtbaren Frustration wird und der Regisseur sich gegen einen Text stellt, der lange vergessen war: Die Comédie-Française zeigt Molières Ur-„Tartuffe“.

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          Molières „Tartuffe“ rief in den Jahren nach seiner Erstaufführung Polemiken hervor wie wohl kein Theatertext je zuvor oder danach. Das Stück zeigt bekanntlich den Bürger Orgon, der (in der Reihe der fünf Akte) den Frömmler Tartuffe in seinem Haus aufgenommen hat und diesen zum Verdruss der Restfamilie (Mutter ausgenommen) blind verehrt; ihm die bereits anderweitig versprochene Tochter zur Frau geben will, was bei deren Zofe auf beherzte Abwehr stößt; sogar den eigenen Sohn der Lüge bezichtigt und aus dem Haus verjagt, als dieser einen Liebesantrag Tartuffes an die Stiefmutter publik macht; erst dann die Schuppen auf den Augen verliert, als besagte Elmire ihn ein vorgetäuschtes Stelldichein mit dem Lüstling belauschen lässt; endlich, von Tartuffe um sein Haus gebracht und mit Kerkerhaft bedroht, nur dank eines Königsboten ex machina wieder in seine Rechte eingesetzt wird.

          „Tartuffe“ wurde am 12. Mai 1664 in Versailles aus der Taufe gehoben. Bereits am nächsten oder übernächsten Tag tat Louis XIV. dem Autor und Truppenleiter seine Satisfaktion über dessen neue Komödie kund – und verbot weitere Aufführungen! Seit 1653 hatte sich der junge König – namentlich durch Ballettauftritte im Sonnenkostüm – zum Roi Soleil stilisiert; 1661 übernahm er die Leitung der Regierungsgeschäfte. Doch im Jahr 1664 war seine Macht noch nicht absolut. Zwischen dem „alten Hof“ um die Königinmutter und der nouvelle cour um den sechsundzwanzigjährigen Throninhaber tobte ein unterirdischer Kampf. Im einen Lager fanden sich sittenstrenge alte Herren: Prälaten, Prediger und Präsidenten, im anderen sinnenfreudige junge Damen – und, als Mittel zum Zweck, Molière und seine Schauspieler. Denn der Sonnenkönig, aufgebracht über das moralinsaure Gestichel gegen sein ehebrecherisches Verhältnis mit Louise de La Vallière, goutierte die Breitseite, welche „Tartuffe“ auf übereifrige Sittenwächter abfeuerte.

          Tauziehen zwischen den Extremen

          Trotzdem musste er zunächst klein beigeben. Acht Tage nach der Verkündung eines Edikts, das alle Geistlichen des Landes auf den Kampf gegen die „jansenistische Sekte“ einschwor, hätte das königliche Plazet für ein als antireligiös empfundenes Stück ein kontraproduktives Signal abgegeben, machte der Erzbischof von Paris geltend. Molière verfasste Bittschriften, ließ Protektoren intervenieren, arbeitete vor allem jedoch seinen Text mehrmals um. Das Tauziehen zwischen Konservativen und Liberalen zog sich über fast fünf Jahre hin, von Gutachtern und Pamphletisten begleitet und durch die gebildete Öffentlichkeit der Zeit begierig verfolgt. Selbst der Legat des Papstes und die Königin von Schweden interessierten sich für den Fall. Endlich gestattete der König am 5. Februar 1669 die Aufführung einer letzten Neufassung des Stückes. Es ist dieser von drei auf fünf Akte erweiterte „Tartuffe“, der bis heute auf allen Bühnen der Welt gespielt wird.

          So geht es nicht: Szene aus Ivo van Hoves Ur-“Tartuffe“
          So geht es nicht: Szene aus Ivo van Hoves Ur-“Tartuffe“ : Bild: Jan Versweyveld/Comédie França

          Wie die Version von 1664 aussah, wissen wir nicht. Manche Spezialisten vermuten, es seien seinerzeit lediglich die drei ersten Aufzüge des noch im Entstehen begriffenen Fünfakters gespielt worden. Georges Couton, der Herausgeber der vorletzten Molière-Gesamtausgabe in der Bibliothèque de la Pléiade, meinte gar, sie bildeten ein in sich geschlossenes Stück. Coutons Nachfolger Georges Forestier stellte in einem unlängst veröffentlichten Bändchen eine andere These auf: Molière habe den ursprünglichen „Tartuffe“ um die heutigen Akte zwei und fünf erweitert, die parallele Handlungsstränge verfolgen (die versuchte Verheiratung der Tochter sowie Orgons Enteignung und finale Rettung durch den Deus ex machina). Streiche man diese beiden Aufzüge und nehme ein paar geringfügige Retuschen vor, bleibe ein Dreiakter mit folgendem – aus etlichen literarischen Vorlagen bekanntem – Plot: „Ein im Haus aufgenommener Gottesmann verliebt sich in die Frau seines Gastgebers, versucht vergebens, diese zu verführen, wird durch eine List von ihrer Seite entlarvt und endlich schassiert.“

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