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Kabarettist Sinasi Dikmen : Teutonisierte Türkenseele

Nach dreißig Jahren auf der Kabarettbühne soll jetzt Schluss sein für Sinasi Dikmen. Bild: dpa

Er ist Türke, aber fühlt sich deutscher als so mancher Deutsche. Für das gegenseitige Verständnis tat er mehr als irgendwelche Integrationsbeauftragten. Jetzt verlässt Sinasi Dikmen die Kabarettbühne.

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          Als Sinasi Dikmen vor mehr als vier Jahrzehnten nach Deutschland kam, war das mit der Integration noch unbeschwerter als heute. Den Eindruck hat zumindest, wer diesem Mann zuhört, der 1945 in einem Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste geboren wurde, bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr das Vieh seiner tscherkessischen Familie hütete, sich danach unverhofft in einem Internat wiederfand, 1972 als Krankenpfleger nach Ulm ging und schließlich am 29.März 1985 im dortigen „Kornhaus“ sein Kabarettdebüt gab, an der Seite von Dieter Hildebrandt. Am Sonntag, also nach genau dreißig Jahren, hat Dikmen im „Kabarett Änderungsschneiderei (KÄS)“ in Frankfurt am Main mit seinem letzten Programm „Der alte Naive“ der Bühne adieu gesagt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Sinasi Dikmen ist alles andere als naiv. 1972 war er jedoch ahnungslos nach Deutschland gekommen, wie er in seinem Programm erzählt: „Da rotteten sich gerade katholische Fundamentalisten in den südlichen Provinzen zusammen, angeführt vom großen bajuwarischen Ajatollah Franz Josef Strauß.“ Das habe er als säkularer Osmane nicht verstanden. „Was wusste ich denn schon über die innerteutonischen Glaubenskriege?“ Als er die erste katholische Nonne sah, dachte er, er wäre schon wieder daheim.

          „Deutsch genug für den Nacktbadestrand?“

          Doch er fühlte sich angenommen und beschleunigte seine Integrationsbemühungen. Bis er sich irgendwann gefragt habe: „Bin ich nun schon deutsch genug für den Nacktbadestrand? Natürlich nur im Verein.“ Nach jedem seiner Kabarettabende in deutscher Sprache besuchte er die türkische Parallelgesellschaft: Hochzeiten, Spelunken, Kneipen, dort, wo „die türkische Kultur zum vernichtenden Schlag gegen die deutsche Kultur ausholt“, wo Liebeslieder gesungen werden, die genauso „verlogen sind wie die türkische AKP-Regierung“.

          Als Kabarettist setzte Dikmen sich intensiv mit den Eigenheiten des deutschen Volkes auseinander und lernte, dass auf alle Sätze, die mit „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch“ beginnen, eine Beleidigung oder gemeine Anspielung folgt. Er begriff aber nicht, weshalb sich die Deutschen auf diese Weise im Voraus entschuldigten. „Wir Türken machen es gerade andersherum: Wir beleidigen erst, dann entschuldigen wir uns, dass es uns so rausgerutscht ist.“

          Seine Mutter wollte ihn umbenennen

          Dann kam ein Bruch, erst durch Solingen, dann durch Thilo Sarrazin. Immer wieder reibt sich Dikmen an Sarrazins Thesen: „Der hat doch überhaupt keine Ahnung von meinem Kampf gegen und für Integration.“ Er sei ja nun fast deutscher als die Deutschen, seine Mutter wollte ihn nicht mehr Sinasi nennen, sondern Stefan oder Herbert. Dennoch wurde ihm klar, dass seine „teutonisierte Türkenseele“ nicht aus Teflon bestand, dass Beleidigungen ihn trafen. Dass er die Deutschen nicht mehr verstand. Etwa wenn seine Enkelin den Opa fragte: „Du sagst doch, du bist Türke, die Lehrerin sagt aber, du bist Muslim. Was bist du nun?“

          Vom fünfzehnten Lebensjahr an wollte Sinasi Dikmen, der Wortkünstler aus dem Dorf Cakirgümüs, nichts anderes mehr als die deutsche Sprache sprechen. Ihr verdanke er alles. Er wurde, so hat es sein Kollege Thomas Reis ausgedrückt, der „erste Osmane im Lingualnebel germanischer Witzigkeit“. Seine Stimme wird uns fehlen. Sinasi Dikmen hat für die Integration und das Werben um gegenseitiges Verständnis mehr getan als so mancher Integrationspreisträger.

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