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„Wut/Rage“ am Thalia Theater : Hier sind alle Menschen gleich tot

  • -Aktualisiert am

Fitness ist alles: Das Thalia-Ensemble in „Wut/Rage“. Bild: dpa

Am Hamburger Thalia Theater werden Elfriede Jelineks „Wut“ und Simon Stephens’ „Rage“ zu „Wut/Rage“ verquickt: Das Ergebnis ist feuchtfröhliche Gymnastik und Körpersprache der unfeinen Art.

          Die Frage kommt spät, aber sie kommt, als hätte irgendwer die sprichwörtliche Nachtigall trapsen gehört: „Schlaft ihr?“, ruft die Schauspielerin Marie Löcker dem Publikum des Thalia Theaters Hamburg zu. Eigentlich meint sie zwei Freundinnen, mit denen sie die Silvesternacht verbracht hat. Nach Stunden sind sie vom Feiern ziemlich erschöpft, bloß die anderen Mädels nicht mit auf der Bühne. Und so fragt sie eben die Zuschauer. Die schlafen zwar nicht, wirken allerdings auch nicht besonders wachgerüttelt.

          Wie denn auch, ergeht sich der Regisseur Sebastian Nübling doch abermals in einer schweißtreibenden, rhythmisch-gymnastischen Inszenierung, die von der Fitness des Ensembles lebt und weniger von dem, was die Figuren wahrhaftig umtreibt. In „Rage“ von Simon Stephens ist das eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Welt, viel Hoffnungslosigkeit und Verdruss und jede Menge Alkohol, schließlich fängt ein neues Jahr an, dessen Beginn die meisten in ihrem Vollrausch freilich gar nicht mitkriegen. Entstanden sind die rund dreißig theatralischen Miniaturen nach Fotografien, die Joel Goodman in der Nacht des 31. Dezember 2015 in Manchester aufgenommen und in einer Zeitung veröffentlicht hat.

          Abstoßende Szenarien der Straße

          Sie sind, wie man sich denken kann, nicht sehr appetitlich. Schwer betrunkene junge Menschen sitzen oder liegen auf der Straße, sind kaum ansprechbar, lassen aus sich heraussprudeln, was sie vorher alles hineingeschüttet haben. Polizisten und Sanitäter sind auf der ganz und gar nicht friedlichen Partymeile im Dauereinsatz. Stephens hat sich zu diesen abstoßenden Szenarien eigene Geschichten ausgedacht. In der ideologisch aufgeheizten Atmosphäre vor der Abstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU und quasi als Spiegelung des Stücks „Wut“ von Elfriede Jelinek versucht er, die englischen Wutbürger in ihrer Verzweiflung und Gefährlichkeit zu zeichnen.

          Jelinek wiederum schrieb „Wut“ nach den Pariser Anschlägen 2015 auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt. Darin kanalisierte sie rechtspopulistische Reaktionen etwa in Deutschland. Das Stück wurde im April von Nicolas Stemann an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Den bösen Ton geben in ihrem „kleinen Epos“ AfD-nahe, antiislamische Frustbürger an, deren Rassismus, Nationalismus, vorgeschobene Religiosität und rechtes Gedankengut sie in einer ihrer typischen, wüst assoziierenden Suaden mit sprachlicher Hellhörigkeit und gern eingestreuten Kalauern etwa so darstellt: „Hier sind alle Menschen gleich, sag ich ihm, er sagt ja, hier sind alle Menschen gleich tot, und zwar gleich!“

          Bis hierher und nicht weiter, oder doch? Ein Absperrband nutzt in „Wut/Rage“ jedenfalls gar nichts.

          Zusammen mit der Dramaturgin Julia Lochte hat Nübling diese beiden Werke trotz ihrer unterschiedlichen Machart – einerseits Jelineks Textflächen ohne Personenzuordnung, andererseits Stephens klassisch gebaute Dialoge – mit kunstvoll nahtlosen Übergängen ineinander verschachtelt, was als „halbe“ Uraufführung in „Wut/Rage“ überraschend gut funktioniert. Die Feierbiester aus Manchester können tatsächlich im Handumdrehen zu Jelineks Chor der rechtslastigen Empörten werden, die über Fremde herziehen, sich ständig bedroht fühlen und ihren Stammtischparolen frönen: „Und wenn wir alle Deutsche sind, dann dürfen wir auch alles.“

          Das Bühnenbild von Eva-Maria Bauer dominiert eine riesige Leuchtschrift mit den Worten „Happy New Year!“, die im Lauf des zweistündigen Abends feuerwerksmäßig erleuchtet wird. Vorne ist ein schwarz-gelbes Absperrband gespannt, das Karin Neuhäuser in dunkelblauer Uniform mit der Aufschrift „Brandwache“ langsam aufrollt und dabei Jelineks Tiraden süffisant abspult. Sie ist so etwas wie die garstig-gemeine Zeremonienmeisterin, die ab und an ironische Kommentare einstreut: „Das Problem ist wie üblich, dass uns niemand liebt.“ Auf die Silvester-Bande trifft das recht deutlich zu. Man findet sich zu spontanen Schnapspaaren zusammen und träumt von baldiger Heirat oder märchenhaftem Reichtum, und weil das nicht klappt, werden die Pakistani, die „Nigger“, die Muslime, die Schwulen beschimpft.

          „Wie spät ist es? Keine Ahnung, Mann!“

          Die Gratwanderung zwischen besoffenem Gewäsch und faschistoiden Ausfällen gelingt Stephens immer wieder überzeugend, obwohl es daneben unfreiwillig komische Zwiegespräche gibt: „Wie spät ist es? – Keine Ahnung, Mann.“ Marina Galic, Franziska Hartmann, Marie Löcker, Kristof Van Boven, Julian Greis, Sven Schelker und Sebastian Zimmler singen, tanzen, turnen im Stile von „Jugend trainiert für Olympia“, was nicht schlecht aussieht, indes naturgemäß oberflächlich bleibt, wenngleich sich die zerfahrene Stimmung einer aggressiven, aus dem Ruder laufenden Sause durchaus vermittelt. Begeistert von Stephens’ deftigen Szenen und Nüblings grobmaschiger Regie, übergeben sich die Darsteller häufig mit Schwung und sind sogar beim ausufernden Urinieren nicht zu bremsen.

          Auch die alten Griechen haben – wegen der Staatsschulden – in dieser Union der Selbstgerechten keine Chance: „Die zahlen nicht und werden dafür bezahlen müssen.“ Und dann kommt die Frage aller Fragen von der Bühne: „Schlaft ihr?“ Noch nicht, möchte man antworten. Aber die da oben auf der Bühne sollten es auch nicht übertreiben.

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          Samstag, 24. September, 20 Uhr
          Sonntag, 25. September, 17 Uhr

          Sonntag, 9. Oktober, 19 Uhr
          Dienstag, 11. Oktober, 20 Uhr

          Samstag, 22. Oktober, 20 Uhr

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