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Russische Opernrarität : Eigentlich ist der Teufel ein melancholischer Menschenfreund

  • -Aktualisiert am

Der Dämon (Egils Silin, vorn) lässt sich vom Engel (Yuriy Mynenco) ansingen. Bild: Antoni Bofill

Kataloniens Kulturbetrieb bleibt von politischer Wirrnis unbeirrt: In Barcelona gelangt die russische Opernrarität „Der Dämon“ von Anton Rubinstein auf die Bühne.

          Dieser Teufel hat es satt, die Erde terrorisieren zu müssen. Das Übel auf ihr zu verbreiten schafft ihm keine Freude mehr. Er trägt allerdings sehr irdische Züge und sehnt sich gar nach menschlicher Liebe. Mit seinen noch nicht versiegten magischen Fähigkeiten sorgt er dafür, dass der mit der schönen Fürstentochter Tamara verlobte Prinz Sinodal in einen Hinterhalt gerät, schwer verwundet wird und schließlich stirbt. Daraufhin geht die junge, attraktive Frau in ein Kloster, und genau dort will sich der Dämon, die göttliche Übermacht herausfordernd, ihrer bemächtigen, um Erlösung zu finden. Die Geschichte endet böse für ihn. Während Tamara ins Paradies eingeht, wird er zu ewiger Einsamkeit verdammt.

          Der russische Komponist Anton Rubinstein hat sich in seiner Oper „Dämon“ von 1871 (uraufgeführt in Sankt Petersburg 1875) eines Gedichts von Michail Lermontow sowie unzähliger literarischer und musikalischer Vorbilder bedient, um einen theatertauglichen Teufel durch seine Partitur geistern lassen zu können. Eine schillernde Figur ist dabei herausgekommen, die ihre Gene vielen Vätern verdankt, dem „Faust“ von Goethe, Gounod oder Boito, Wagners „Fliegendem Holländer“ oder russischen dämonischen Sagengestalten.

          Das Gran Teatre del Liceu in Barcelona hat lobenswerterweise Rubinsteins nahezu vergessene Oper aus der Versenkung geholt, ist bei diesem Vorhaben jedoch auf halber Strecke steckengeblieben. Die Partitur wurde erheblich gekürzt, überdies verzichtet Dmitry Bertman, Gründer und Leiter der Moskauer Helikon-Oper, in seiner Inszenierung auf eine schlüssige Personenführung und bietet eher eine Art szenisches Oratorium. Das passt zwar zu Rubinsteins Idee von einer „sakralen Oper“, doch es ist vor allem das Bühnenbild des österreichischen Ausstatters Hartmut Schörghofer, das den Aktionsraum stark einengt. Er entwarf eine hölzerne Röhre, eine Art Zeittunnel (mit Löchern in der Decke), durch den man in den Weltraum hinausblickt. Am Ende des Tunnels erscheint hin und wieder ein Globus, auf den mal die realen Umrisse der Erdkontinente und -meere, dann auch wieder abstrakte Gebilde, im dritten Akt Kirchenfenster und menschliche Gesichter projiziert werden. Schörghofer hat sich für die kosmische Szenerie vorgeblich von den Visionen des Renaissancemalers Hieronymus Bosch inspirieren lassen, die aseptisch kühl wirkende, durch Lichtprojektionen gelegentlich befeuerte Bühne scheint freilich eher einem modernen Designreißbrett zu entstammen.

          Ein adäquater Ersatz

          Eigentlich hätte in der Titelrolle der russische Sänger Dmitri Hvorostovsky brillieren sollen, auf dessen Anregung sich das Liceu des Stücks angenommen hatte. Nach dessen Tod im November vergangenen Jahres wurde mit dem Bassbariton Egils Silinš immerhin adäquater Ersatz gefunden. Silinš gibt mit seiner warmen, sonoren Stimme freilich einen geradezu noblen, wenig durchtrieben-dämonischen, eher am Weltweh leidenden Teufel. Die armenisch-litauische Sängerin Asmik Grigorian demonstriert als Tamara mit wunderbar leuchtendem, farbgesättigtem Sopran vielleicht am eindrücklichsten, mit welchen Finessen die Gesangspartien ausgestattet sind, die an den besten Stellen „Eugen Onegin“, das Meisterwerk des Rubinstein-Schülers Peter Tschaikowsky, vorausahnen lassen. Leider ist Tamaras verlobter Prinz Sinodal (mit schönem tenoralem Schmelz: Igor Morozov) schon am Ende des ersten Aktes tot, von ihm hätte man gern noch mehr jener ariosen Passagen gehört, die fast schon den Lenski vorwegnehmen. Der Engel, die himmlische Gegenfigur zum Dämon, eigentlich eine Mezzosopranpartie, wurde einem Countertenor (Yuriy Mynenco) anvertraut.

          Rubinstein war ein Wanderer zwischen Westeuropa und Russland, seinen Ruf verdankte er nicht zuletzt seinen Tourneen als Klaviervirtuose, die ihn bis in die Vereinigten Staaten führten. Eine ganze Reihe seiner Werke wurde in Deutschland uraufgeführt. Sein „Dämon“, der laut Libretto in Georgien sein Unwesen treibt, spukt durch alle Winkel der musikalischen Romantik; volksmusikalische Anklänge sorgen für etwas Lokalkolorit. Vielleicht ist die Musik, gemessen an dem düsteren Stoff, ein wenig zu gefällig, große Oper ist aber auf jeden Fall das Schlussduett zwischen dem Dämon und Tamara, deren Seelenpein Rubinstein seismographisch exakt in Töne fasst. Leider gelingt es dem Dirigenten Mikhail Tatarnikov mit dem Orchester und Chor des Liceu nicht überzeugend, die Subtilität der Partitur auszuloten, vieles klingt eher roh und grob.

          Festesfreude und Dämonen der politischen Wirren

          Es war Zufall, dass die Premiere der Rubinstein-Oper in Barcelona am Sant-Jordi-Tag stattfand, es fügte sich aber ganz gut, weil sich am Namenstag des heiligen Georg die Katalanen rote Rosen und Bücher schenken, folglich in der Festesfreude die Dämonen der politischen Wirren um die Unabhängigkeitsbestrebungen gebannt blieben und nur der Theaterteufel Dienst hatte. Überhaupt erwies sich der gesamte Kulturbetrieb in Katalonien bisher als erstaunlich immun gegenüber dem Chaos auf der politischen Bühne. Zwar gab es während der heißen Phase des Konflikts einen Rückgang bei den Besucherzahlen, doch hat sich die Lage inzwischen wieder weitgehend normalisiert.

          Wie auch die meisten anderen kulturellen Institutionen bemüht sich das Liceu unter der künstlerischen Leitung von Christina Scheppelmann mit ungewöhnlichen Produktionen wie der „Dämon“-Premiere, dem drohenden Rückfall in engstirnigen Nationalismus und Provinzialität Weltläufigkeit entgegenzusetzen. In der nächsten Saison bringt das Liceu mit der Oper „L’enigma di Lea“ (Leas Geheimnis) des katalanischen Komponisten Benet Casablancas gar eine veritable Uraufführung heraus.

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