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Pariser Ballett im Streik : Es ist ein Kreuz!

  • -Aktualisiert am

Getanzter Protest: Heiligabend vor dem Pariser Palais Garnier Bild: AFP

Die Pariser Tänzer kämpfen um eine Regel aus dem Jahr 1698. Nur weil sie heutzutage nicht mehr bald nach dem Erreichen des Rentenalters sterben, kann man sie nicht zum Fußvolk der Theaterbeschäftigten machen.

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          Und auch an diesem Abend, dem 20. Januar, fällt eine Premiere an der Pariser Oper ins Wasser. Für Maurice Ravels „L’enfant et les sortilèges“ und Claude Debussys „L’après-midi d’un faune“ in der Choreographie der Belgierin Anne Teresa de Keersmaeker hebt sich der Vorhang nicht. Das allerdings wird kaum zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn entschieden. Tag für Tag, Abend für Abend geht das jetzt so. Spielen sie oder spielen sie nicht?

          Mehr als 12,5 Millionen Euro hat die Pariser Oper an Einnahmen eingebüßt, seit das so geht, seit dem 5. Dezember regiert la grève, der Streik. Der Streik der Lokführer der SNCF, der französischen Eisenbahn, und auch der U-Bahn-Fahrer der RATP, der Pariser Nahverkehrsbetriebe. Viele Berufstätige marschieren seit Wochen zu Fuß durch Paris. Wege von zwei Stunden pro Tag, um ins Büro oder in die Bäckerei zu kommen, sind in dieser großen, teuren Stadt im Moment nichts Ungewöhnliches. Eisenbahn, U-Bahn – doch auch Immobilien stellten den Betrieb ein, nur zwei, aber zwei der berühmtesten von Paris: Comédie Française und Opéra de Paris zählen zu den ältesten Kulturinstitutionen Frankreichs. Seit 350 Jahren spielen sie für ihr Publikum.

          Die Pariser sind deutlich verärgert. „C’est la galère“, sagt der farbige Taxifahrer am Montagnachmittag, „Es ist ein Kreuz“, und fügt nach einer Pause an, er profitiere natürlich davon, klar. Das Geschäft läuft. Wir aber stehen. Er bietet mir ein Pfefferminzbonbon aus einer kleinen grünweißen Blechdose an. Es schmeckt köstlich. Wir unterhalten uns. Nichts geht. Um uns herum quetschen sich die kleinen Lieferwagen, die Vespas, die schweren Motorräder, die Busse, die Fahrräder, aber er ist die Ruhe selbst, als müsste das alles so sein. Wir unterhalten uns, als hätten wir uns dazu verabredet, mitten in dieser pagaille, diesem Tohuwabohu, wo alles drängelt, jeder schubst, so gut das ohne Blechberührung geht. Das Spiel geht so: Keine Lücke auf dem Asphalt soll unausgefüllt bleiben, und wenn man diagonal auf zwei Spuren steht.

          Sie stehen schon als Kinder an der Stange

          Es soll besser werden mit den U-Bahnen in den nächsten Tagen. Morgens fahren manche Metros schon wieder, aber wer am Nachmittag am Gare de l’Est eintrifft, kann ein Taxi nehmen. Der Zugang zur Metro im Bahnhof ist mit großen Gittern abgesperrt. Die Zugführer verlangen, mit 55 Jahren in Rente gehen zu dürfen, Emmanuel Macron will von 64 Jahren nicht abrücken. Man kann die Lokführer verstehen, denn ihre Verantwortung für das Leben so vieler Menschen, die sie täglich befördern, ist sehr groß, die körperliche und mentale Anspannung entsprechend hoch.

          Der Unterschied zu den Tänzern der Pariser Oper ist der, dass die Lokführer als Kinder vielleicht vom Lokführen geträumt haben mögen, aber sie mussten nicht bereits als Kinder anfangen, das Steuern zu üben. Das aber gilt für die Tänzer der Pariser Oper. Mit fünf, sechs Jahren stehen sie bereits an der Ballettstange, mit zehn Jahren beginnt die Ausbildung, richtig ernst zu werden, mit siebzehn Jahren stehen sie auf der Bühne.

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