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Pariser Ballett im Streik : Es ist ein Kreuz!

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Alter ist eine physische Tatsache

Wieder und wieder, selbst am 24. Dezember, zogen sich zweiunddreißig Tänzerinnen des Corps de ballet weiße Rollkragenpullover über ihre tief ausgeschnittenen Kostüme mit den tellerartig abstehenden kurzen Tutus der Schwanenmädchen und tanzten vor Transparenten auf den Stufen des Palais Garnier, um ihr enttäuschtes Publikum zu informieren und auf ihre Seite zu ziehen. Inzwischen haben sich ihre Proteste zum längsten Streik in der Geschichte des Balletts ausgedehnt. 174 Tänzer streiken, denn unter den fünfzehn Sonderregeln der französischen Verrentung ist auch ihre, die einzig und allein die Tänzer der Pariser Oper betrifft, nicht jene von Lyon, Marseille oder den wenigen anderen großen Häusern. Sie kämpfen um eine Regel von 1698, die besagt, dass Tänzer mit 42 Jahren aufhören sollen und von da bis zum Erreichen des allgemeinen Renteneintrittsalters pro Monat etwa tausend Euro erhalten, abhängig von der Dauer ihrer Beschäftigung.

Alter ist eine physische Tatsache, die für Spitzensportler schwer ins Gewicht fällt. Auch Tänzer sind heute Athleten. Irgendwann fehlt einem die Kraft, die Handlungsballette des neunzehnten Jahrhunderts, die drei und mehr Stunden dauern, durchzuhalten. Nun soll diese Regel für die diejenigen, die ab 2022 Verträge erhalten, abgeschafft sein.

In der DDR gab es eine Tänzerrente

Von allen Sparten des künstlerischen Personals an der Oper sind die Tänzer finanziell am schlechtesten gestellt. Sie arbeiten oft von zehn bis dreiundzwanzig Uhr, mit etwas Ruhezeit am Nachmittag, denn schon morgens kommen sie in die neunzigminütige Ballettklasse, ein hartes Training, für das sie sich zuvor sorgfältig aufwärmen müssen. Spitzenschuhe wollen präpariert werden, Kostüme anprobiert, Trikots gewaschen und geflickt. Nach dem Training geht es in die Proben, abends ist Vorstellung oder eine weitere Probe. Sie folgen strikten Ernährungsregeln und brauchen ihren Schlaf – wie Spitzensportler. Sie leben nur dafür, sie haben für nichts anderes Zeit. Wenn sie aufhören, fangen sie für einen neuen Beruf von vorne an, denn weder können noch wollen sie alle Ballettlehrer oder Ballettdirektoren werden.

Und doch verdienen sie an der weltberühmten Pariser Oper als Ensemblemitglied höchstens 3030 Euro, selbst die Etoiles an der Spitze der Tänzerpyramide erhalten nicht mehr als 6400 Euro brutto. Nur die internationalen Stars, die heute in London und morgen in Moskau auftreten, können individuell höhere Gagen aushandeln.

Europaweit sind Tänzer die am schlechtesten vergüteten Bühnenangehörigen. In der DDR gab es auch eine Tänzerrente. Heute werden Umschulungsmaßnahmen finanziert, und es gibt Hilfen wie etwa die deutsche Stiftung Tanz – Transition Zentrum Deutschland mit ihrer engagierten Vorsitzenden Sabrina Sadowska.

Sie haben jede Unterstützung verdient

Als die französische Rentenregelung 1698 getroffen wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei dreißig, höchstens fünfunddreißig Jahren. Mit ihr hat der tanzbegeisterte Louis XIV. also nicht die Staatskasse ruiniert.

Nur weil Tänzer heutzutage nicht mehr bald nach dem Erreichen des Rentenalters sterben, kann man sie nicht zum Fußvolk der Theaterbeschäftigten machen. Sie haben schon keine Kindheit. Wenn sie mit zweiundvierzig Jahren von vorn anfangen, um nach achtjähriger Berufsausbildung und einem Erwerbsleben von fünfundzwanzig Jahren einen neuen Beruf zu erlernen, haben sie jede Unterstützung verdient. Und zwar nicht nur, wenn sie an der Pariser Oper engagiert waren. Aber da natürlich auch. Manche Sonderregeln haben gute Gründe. Auch wenn sie ein König eingeführt hat, essen diejenigen, die von ihnen profitieren, noch lange nicht den ganzen Tag Profiteroles.

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