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Siemens-Preis für Aimard : Ein Pianist ohne Nostalgie

Pierre-Laurent Aimard bekommt in diesem Jahr den Siemens-Musikpreis. Bild: dpa

Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard denkt an die Zukunft der Klaviermusik. Dafür wird er in München mit dem Siemens-Musikpreis ausgezeichnet.

          Nach vier Minuten etwa fangen die Vögel an zu zwitschern, ganz oben, in der viergestrichenen Oktave. Feldlerchen im Höhenrausch vielleicht oder beschwipste Girlitze. Die „Oiseaux tristes“, die traurigen Vögel von Maurice Ravel, sind es jedenfalls nicht. Der heiß-kalte Schauer, in den ihre Triller münden, ist keiner der abgründigen Trauer, sondern einer der Lust, ein ungebremster goldener Schuss von Glückshormonen, hinein ins Blut des Hörers. War das jetzt der Moment, da das Jesuskind uns zum ersten Mal küsst?

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wohlkalkuliert, doch völlig enthemmt, mit Raffinesse und Schamlosigkeit zugleich, spielt Pierre-Laurent Aimard diese Nummer fünfzehn aus dem Klavierzyklus „Zwanzig Ansichten des Jesuskindes“ von Olivier Messiaen. Wofür die Vögel bei diesem Komponisten und Ornithologen stehen, lässt Aimard offen. Es gebe, behauptete er im Interview mit der „Zeit“, auch nationale Eigenheiten der Sinngebung: „In Deutschland reagieren die Zuhörer meiner Ansicht nach mit einem besonderen metaphysischen Verständnis. Selbst wenn es sich nicht um religiöse Stücke handelt, gehen die Empfindungen im Publikum sehr tief. Messiaen öffnet unsere Ohren und lädt uns dazu ein, selbst nach oben zu schauen.“

          Ein Hausgast beim Ehepaar Messiaen

          Aimard, eine frühreife Hochbegabung, war schon als Zwölfjähriger in die Klavierklasse von Messiaens Ehefrau Yvonne Loriod am Pariser Konservatorium aufgenommen worden. Ohne sich um Zulassungsvorschriften zu scheren, besuchte er bald auch die Kompositionsvorlesungen Messiaens. Sie und er luden ihn ein, sie auf einer Reise nach London zu begleiten. Da war er fünfzehn Jahre alt. Irgendwann wurde er so etwas wie der künstlerische Sohn des Paares, und später machte Aimard seinen Lehrer Messiaen zum Taufpaten eines seiner eigenen Söhne.

          „Ich habe nichts gegen Gläubigkeit in allen möglichen Formen. Aber wenn sie zur Dogmatik erstarrt und eng im Geist wird, dann finde ich das peinlich“, gestand er vor ein paar Jahren. Das war nicht gegen Messiaen und dessen kunterbunten Katholizismus gerichtet, sondern gegen eine Strömung von Post- oder Neoromantik unter den Pianisten, für die das Repertoire mit dem Werk von Sergej Prokofjew endet. Wenn man sich beherrschen lasse vom geschichtlichen Erbe des Klaviers, dann folge man auch einem veralteten Lebensmodell. Das stört Aimard.

          Seit seiner Schulzeit bei Messiaen brennt der aus Lyon stammende Pianist, der in der Wohnung seines Urgroßvaters zwischen lauter Instrumenten seine Liebe zur Musik entdeckte, für die Kunst der Gegenwart. Mit neunzehn Jahren wurde er Pianist im Ensemble Intercontemporain unter der Leitung von Pierre Boulez und blieb es achtzehn Jahre lang: immer auf Tuchfühlung mit neuesten Methoden und Technologien eines Musikkartells rund um Boulez und seinen Institutionen, das – vielleicht letztmalig in der Musikgeschichte – noch einmal Entwicklungsrichtungen diktieren konnte, zu denen sich alles, was „Neue Musik“ heißen wollte, irgendwie verhalten musste.

          Gefahr geistiger Korruption

          Doch die Zeiten sind vorbei. Schon Aimard war das irgendwann nicht mehr genug. Er nabelte sich 1995 ab, begann eine Solokarriere, bewies plötzlich, dass er für die träumerische Seite bei Ludwig van Beethoven ebenso einen Sinn hatte wie für die kommunikative Dichte bei Wolfgang Amadeus Mozart oder die Farbenfülle im Kontrapunkt von Johann Sebastian Bach. Aimard rückte binnen kurzem vom Rand in die Mitte des klassischen Musikbetriebs.

          Ganz wohl fühlt er sich auch dort nicht, beschreibt die Gefahren geistiger Korruption durch den Zwang zum Spektakulären und versucht, dem „Magnetismus des Marktes“ – sein Deutsch ist fließend und farbig – Widerstand entgegenzusetzen. Wo es nur geht, spielt Aimard, der inzwischen in Berlin-Schöneberg lebt, neue Musik: George Benjamin und Marco Stroppa gehören für ihn zu jenen Komponisten, die vor der monumentalen Vergangenheit der Klavierliteratur nicht verzagen. Und beim Klavierfestival Ruhr, unter der Intendanz von Franz-Xaver Ohnesorg, arbeitet er seit langem daran, mit Meisterkursen die jungen Interpreten an ihre eigene Gegenwart heranzuführen.

          „Was uns fehlt“, sagt Aimard, „ist ein Klavierkomponist, der zugleich ein Klaviervirtuose wäre und seine Kunst effektiv in Szene setzen könnte für einen populären Markt, so wie viele Komponisten das im neunzehnten Jahrhundert getan haben.“ Bislang beschränkt Aimard sich aber auf das Spielen und überlässt das Komponieren anderen. Dennoch nennt ihn das Kuratorium der Schweizer Ernst von Siemens-Musikstiftung eine „Lichtgestalt und eine internationale Schlüsselfigur im Musikleben unserer Zeit“. Sie vergibt am 2. Juni in München ihren diesjährigen Musikpreis an Pierre-Laurent Aimard, einen Preis, der mit einer Viertelmillion Euro zu den höchstdotierten seiner Art weltweit gehört – sicherlich eines der schönsten Geschenke zum bald bevorstehenden sechzigsten Geburtstag.

          Ein anderes machte ihm das von Tobias Bleek verantwortete Musikbildungsprogramm des Klavierfestivals Ruhr. Unter www.explorethescore.org hat es gerade ein neues Portal zu den Klavieretüden von György Ligeti freigeschaltet. Für Aimard ist dieser Zyklus ein Leuchtturm der neueren Klavierliteratur. Die Nummer zwölf daraus, „Entrelacs“, ist Aimard gewidmet. Man kann dort hören, mit welch delikatem Klangsinn der Pianist diese Landschaft aus schimmernden Seen und Glockengeläut entstehen lässt. Man kann ihm aber auch folgen, mit welch sprachlicher Präzision und Phantasie er – auf Deutsch – am Klavier eine Einführung in das Stück gibt. Aimard kenne seine Musik besser als er selbst, sagte Ligeti. Das ist gewiss schön, aber dass diese Kenntnis auch umschlägt in gestalterische Kraft, ist noch viel schöner.

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