https://www.faz.net/-gqz-921ca

Alexander Moissi : Liebling der literarischen Elite

  • -Aktualisiert am

Alexander Moissi auf einer Porträtaufnahme um 1933 Bild: Picture-Alliance

Die Bühne war viel mehr als sein Metier, sie wurde mit ihm zum Schnittpunkt der Zeit: Der Theaterschauspieler Alexander Moissi galt im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts als Inbegriff der klassischen Moderne.

          7 Min.

          Er kam als Zwanzigjähriger mit mangelhaften Deutschkenntnissen nach Wien und wollte Sänger werden. Etliche Jahre später war er nicht nur der Star des Berliner Theaters, sondern seine Erfolge führten ihn quer durch Europa und bis nach Amerika. Die Rede ist von Alexander Moissi (1879 oder 1880 geboren in Triest), der einer albanisch-italienischen Familie entstammte und dank seiner frühen Entdeckung durch den großen Josef Kainz für das Theater gewonnen wurde. Nach einem schwierigen Start und Gesellenjahren in Prag wurde er durch die Zusammenarbeit mit Max Reinhardt zu einer Figur öffentlicher Aufmerksamkeit. Dabei scheint er kaum einmal in einer heiteren oder jedenfalls psychisch unkomplizierten Rolle aufgetreten zu sein.

          Die Figur des Schauspielers ist eine komplexe Schnittfläche kollektiver und individueller, ästhetischer und sozialer Projektionen: Er tritt als stimmlich, körperlich und intellektuell einmaliges Individuum auf, das zugleich, wie im Fall Moissis, kreativer Bezugspunkt künstlerischer Hervorbringungen ist – manche Rolle wird ihm auf den Leib geschrieben. Imaginationen, Interpretationen, Projektionen und Perspektiven verdichten sich zu einer komplexen Gemengelage, an der das Theater, mit Autoren wie Publikum, teilhat, zu der aber besonders die zeitgenössischen Mentalitäten beitragen. Der Schauspieler ist Katalysator zeitgenössischer Wahrnehmungen umso mehr, je eher er diverse mediale Kanäle zu nutzen weiß – wie im Falle Moissis das Foto, den Film, die Lesung. Angesichts der extremen Reichhaltigkeit an Moissi-Zeugnissen bieten seine über gut dreißig Jahre sich erstreckenden Auftritte eine ideale Fläche zeitgenössischer Mentalitätsbilder, aus denen sich Bilder der klassischen Moderne rekonstruieren lassen.

          Alexander Moissis Rollen waren vielfältig. Dabei wurde die des Hamlet zu einer seiner Schlüsselrollen.

          Zu einer Zeit, da Georg Simmel über die „Philosophie des Schauspielers“ nachdachte, glänzte Moissi nicht zufällig in Stücken, die den Schauspieler auf der Bühne als Rolle zeigten, etwa bei Maxim Gorki oder Arthur Schnitzler: in dessen grotesker Darstellung der Französischen Revolution im „Grünen Kakadu“, in dem ein Schauspieler durch einen Eifersuchtsmord das politische Geschehen auslöst. Nietzsche hat schon in der „Fröhlichen Wissenschaft“ die Beobachtung festgehalten, „fast alle Europäer verwechseln sich in einem vorgerückten Alter mit ihrer Rolle, sie selbst sind die Opfer ihres ,guten Spiels‘“, bis aus der Rolle wirklich Charakter geworden ist.

          Während damit einer Demaskierung unbewusster Schauspielerei das Wort geredet wird, reflektiert Moissi über die entscheidende Frage seines Berufes: „Lügt der Schauspieler?“ Und er konnte sie nur ganz persönlich beantworten: „Schlägt in dem Menschen einer Dichtung nicht mein Herz, atmet dort nicht meine Lunge, lebt dort nicht meine Freude, mein Leid – mein Schauen, mein Wahnsinn, erkenne ich dort nicht meines Wesens Kern, so muß ich Enthaltsamkeit üben – und weitersuchen nach dem Menschen, der ich sein kann und nicht scheinen muß.“

          Illustres Publikum

          Dass dann der Hamlet zu seinen Schlüsselrollen wurde, ist verständlich, denn in Shakespeares Drama gibt es nicht nur Auftritte und Erläuterungen von Schauspielern und Theater, sondern Hamlet selbst spielt mit der Verstellung, – er nimmt bewusst ein „wunderliches Wesen“ (so übersetzte Schlegel Shkespeares „antic disposition“) an, um durch seine Maskierung den Gegner in falsche Sicherheit zu manövrieren.

          Aber Moissi wurde auch in anderer Hinsicht zu einem Schauspieler des Schauspielers: Seine zwar nicht unumstrittene, weil als zu wenig heroisch wahrgenommene Verkörperung etwa von Hamlet, Romeo oder Faust machte ihn doch schnell zu einem Inbegriff des zeitgenössischen Theaters, so dass auch Stücke von Wedekind und Shaw, Hofmannsthal (Moissi war der erste „Jedermann“, auch in Salzburg) und Hauptmann von ihm gespielt oder gar uraufgeführt wurden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Michael Zahn hat sich mit Äußerungen zur Wohnungspolitik in Berlin nicht überall beliebt gemacht.

          Deutsche-Wohnen-Chef Zahn : Der unbeliebte Vermieter

          Nach 14 Jahren hat die deutsche Hauptstadt wieder einen Dax-Konzern. Michael Zahn ist der Mann, der ihn führt. Doch viele Berliner sind auf den Immobilienmanager nicht gut zu sprechen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.